Person des Jahres 6751

Pfarrer Yusuf Akbulut (Türkei)

Pfarrer Yusuf Akbulut lernten wir im Winter des Jahres 6750 kennen. In nur wenigen Tagen wurde dieser wenig bekannte Pfarrer aus dem Südosten der Türkei zur Symbolfigur des Assyrischen Kampfes um Menschenrechte und Anerkennung des Völkermordes (Seyfo) aus dem Jahre 1915. Es gab eine sensationelle Gerichtsanhörung, die von deutschen, schwedischen und holländischen Parlamentariern, Journalisten und Völkerrechtlern besucht wurde.

Am 21. Dezember 2000 wurde er des Hochverrats angeklagt. Er hatte gegenüber einem Reporter des Hürriyet-Magazins eine private Unterhaltung, in der er offen über die systematischen Massaker gegen eine halbe Million christlicher Assyrer, Armenier und Griechen während des 1. Weltkrieges sprach. Eine Verurteilung könnte seinen Tod bedeuten. Die nächste Anhörung wurde auf den 22. Februar 2001 angesetzt.

Während Pfarrer Akbulut im Gefängnis in Diarbakir saß, wurde sein Fall von vielen Assyrern in der Diaspora wahrgenommen. Sie füllten die Behörden der lokalen Regierungsvertreter mit Tausenden von Briefen, Faxen und Emails. Die Aktion ging sogar soweit, dass ein türkischer Regierungsvertreter darum bat, den Herausgeber des Magazins nicht weiter mit Emails für die Petition zu attackieren. Die Kampagne war ein großer Erfolg und der Fall Akbulut wurde von vielen westlichen Medien verfolgt. In einigen türkischen Zeitungen wurde als „Verräter“ bezeichnet.

Pfarrer Akbulut ist zuständig für eine kleine assyrische Gemeinde in der Türkei bestehend aus 70 Mitgliedern. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung war er 36 Jahre alt. Er hat 5 Kinder.

Ende März 2001 erschien die Situation von Pfarrer Akbulut aussichtslos und ein Freispruch war weit entfernt, da bei ähnlichen Fällen stets gegen den Angeklagten entschieden wurde. Die Kampagne wurde deswegen durch die mitwirkenden Bemühungen von Assyrischen Webseiten verstärkt.

Ein Prozess von Pfarrer Akbulut gegen das Türkische Volk, wie es die türkischen Zeitungen im Dezember 2000 porträtiert hatten, schien dem Kampf „David gegen Goliath“ gleichzukommen, Pfarrer Akbulut gegen 80 Jahre Täuschung und Fehlinformation durch regierungskontrollierte Medien in der Türkei.

Der Trumpf unseres Helden bestand in der Verwundbarkeit der Türkei, die der Europäischen Union beitreten möchte. Das, was notwendig war, war eine Präsenz von einigen europäischen Politikern und Medienvertretern. Beim zweiten und dritten Prozesstag waren also erneut politische Beobachter, Gelehrte und Journalisten anwesend.

Einige Tage vor der letzten Verhandlung wurde der Fall Akbulut durch die westlichen Medien veröffentlicht mit Überschriften wie „Die Assyrische Bevölkerung: In der Türkei verfolgt und unterdrückt“. Selbst durch die liberalen türkischen Medien wurde nun frei vom Assyrischen Pfarrer berichtet anstatt nur vom Christen oder vom syrisch orthodoxen Pfarrer.

Am 05. April 2001 wurde Pfarrer Akbulut von allen Anklagepunkten freigesprochen und von der Haft entlassen.

Der Arrest von Pfarrer Akbulut ist jedoch kein Einzelfall. Es gibt bis heute noch Personen in türkischen Gefängnissen, denen ähnliches zur Last geworfen wird.

Wegen seines Mutes die Täter des größten Völkermordes des letzten Jahrhunderts an das Assyrische Volk beim Namen zu nennen, wurde Pfarrer Akbulut zur Person des Jahres gewählt. Ein syrisch orthodoxer Pfarrer repräsentiert den Geist der ganzen assyrischen Nation im gefüllten türkischen Gerichtszimmer am 05. April 2001, ein Ort der nicht weniger grausam wie das römische Kolosseum gegenüber den Christen gewesen ist.

In Wirklichkeit sind weder Pfarrer Akbulut noch irgend jemand von uns freie Leute. Pfarrer Akbulut hat uns gelehrt, dass das Nichtssagen auch Akzeptanz von historischer Ungerechtigkeit bedeutet. Er sprach offen über den Völkermord (Seyfo) von 1915, er wurde verhaftet und war in der Gefahr zum Tode verurteilt zu werden. Wir müssen und von den Fesseln der Verschleierung und Ignoranz lösen. Seinem mutigen Beispiel zu folgen ist ein weiterer Schritt zu unserer absoluten Emanzipation.

Quelle: Zindamagazine

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