Raif Toma

Sind wir eine Nation?

Die assyrische Nationalfrage, die Frage der assyrischen Nation und die völkische Zusammensetzung der östlichen Christen, werden von der Forschung und in akademischen Diskursen gegenüber sozialen und politischen Problemen im Nahosten vernachlässigt.

In der Zeit der Identitätskrise und der Popularität nationaler Fragen, stellen sich innerhalb unseres Volks Fragen wie: Sind wir eine Nation? Warum sind wir eine Nation? Oder welche Nation sind wir? Sind wir ein Volk? Ich stelle noch die Frage: Woher nehmen wir den Anspruch eine Nation zu sein? Ich versuche in diesem Aufsatz in die Begrifflichkeit einzugehen sowie auf die Faktoren die eine Nation ausmachen, zugreifen und diese auf ihrer Existenz prüfen. Und gehe selbstverständlich auch auf die anderen gestellten Fragen ein.
Unscharfe Verwendung von Begriffen wie Nation, Volk sowie Glaube und Kirche. Ich bleibe mit diesem Teil der Abhandlung bei der Begrifflichkeit und der Definition des Begriffes.
Nun „Der Begriff Nation“ kann begrifflich eine Abstammungsgemeinschaft bezeichnen, doch wird auch als „zumeist für eine durch gemeinsame Traditionen, Sitten oder Gebräuche definierte Gruppe von Personen mit Anspruch auf staatliche Souveränität verwendet“ 1

Laut Benedict Anderson: „eine vorgestellte politische Gemeinschaft – vorgestellt als begrenzt und souverän. Vorgestellt ist deswegen, weil die Mitglieder selbst der kleinsten Nationen die meisten anderen niemals kennen, ihnen begegnen oder auch nur von ihnen hören werden, aber im Kopf eines jeden Vorstellung IHRER Gemeinschaft existiert“ 2
Doch um diese Definition zu verdeutlichen gehe ich auf den Begriff Volk ein. K.W. Deutsch identifiziert Volk als „ (…) eine Abstammung von Individuen, die schnell und effektiv über Distanz hinweg und über unterschiedliche Themen und SACHVERHALTE miteinander kommunizieren können“3. Bei Kommunikation liegen ihm die gemeinsame Sprache und ein Bestand von geteilten Bedeutungen und Erinnerungen zu Grunde. Auch hier verstehen, Soziologen den Begriff Volk anders als Juristen, die darin das Staatsvolk verstehen, und dadurch durchaus unser Volk nach dieser juristischen Vision nicht als Volk zu verstehen ist. Da wir keinen eigenen Staat besitzen, was sicherlich unser gutes nationales Recht ist.
Doch hier von einem Volk der Kirche und Kirchenvolk zu sprechen, ist politisch und soziologisch falsch, da unser Volk mehreren Kirchen angehört und so ein Begriff uns in mehreren Völkern teilen kann. Obgleich die Kirche keine politische Vertretung des „Volkes“ übernehmen kann und diese auch nicht beanspruchen darf.

Die Abstammungsgemeinschaft? Gemeinsame Vorfahren? Gemeinsame Traditionen, Sitten und Gebräuche sowie gemeinsame Geschichte sind entscheidende Faktoren für die Definition einer Nation. Nation wird als ethnische Homogenität (als „Volk“), aber auch als Stamm (Stammesvolk, früher Völkerstamm) verstanden.

Diese Definition der Nation geht von der gemeinsamen Abstammung der Angehörigen der Nation und einer daraus resultierenden Kultur- und Spracheinheit aus. Die Vorstellung vom ethnisch homogenen Nationalstaat, die ein wichtiger Bestandteil unserer pan-mesopotamistischen Gedanken und das Ziel der Befreiungsbewegung war, gipfelte jedoch im 20. Jahrhundert in verschiedenen ethnischen Säuberungen und darunter gewiss der Seyfo im osmanischen Reich.

Bei der „Homogenität der Kultur“ steht in der Wikipedia: „Nation ist in dieser Ausformung Homogenität der Sprache und Tradition (Kulturnation). Nation ist dann die durch die Geschichte bewahrte Einheit in Sprache, Kultur und Traditionen (zahlreiche Überlappungen mit dem in der Romantik geprägten „Volks-Begriff). Sie lässt sich nicht durch territoriale Grenzen definieren. Dies gilt für die Kulturnation Deutschland, ebenso für andere überstaatliche nationale Gemeinschaften.“ Die Definition der Nation nur im Rahmen der staatlichen Existenz ist eher ungenau, da es Staaten gibt, die durchaus keine Nationen bilden, wie Spanien, Irak oder früher Jugoslawien oder viele andere Vielvölkerstaaten. Es wir sogar über Vielnationenstaat gesprochen.

„Chaldäer und Assyrer haben all das gemeinsam, was sie zu einem Volk macht. Sie sprechen eine gemeinsame Sprache, haben dieselbe kulturelle Identität, dasselbe kulturelle Erbe und die gleichen Traditionen, dieselbe Geschichte, dieselben Dörfer und demographischen Regionen. Was kann ich noch als Gemeinsamkeit benennen? Dieses EINE Volk ist trotzdem zersplittert. Die unterschiedlichen Namen Assyrer/Chaldäer/Syrer sollten unsere Einheit nicht gefährden“.4 „Die assyrische Nation ist eine besondere Nation und besitzt eine eigne Sprache, Kultur, Geschichte, Land, Grenzen und Wille5“ Joseph Jacob will damit die wesentlichen wissenschaftlichen Faktoren die eine Nation ausmachen, und eine Identitätsbildung auf der Basis dieser gemeinsamen Faktoren nennen.

Ich beabsichtige in mehreren Beiträgen auf die Faktoren detailliert eingehen, auf deren Basis die Identitätsbildung geschaffen wird und diese, sowie die Faktoren, die unsere Nation ausmachen analysieren. Sicherlich gibt es innerhalb unseres Volkes verschiedene Denkrichtungen über dieses Thema, sowie darüber, woraus sich unsere Nation bildet. Ich werde deshalb einige dieser Denkrichtungen in meiner Analyse abhandeln, um auch die Gegensätze zu verdeutlichen, und es zu beweisen, dass unsere Nation diese Gegensätze überbrücken kann.

Vordringlich für heute sehe ich die umfassende Information der jungen Menschen über Ihre Nation und nationale Identität, sowie gezielt den Nationalbewusstsein erwecken, doch ohne Hass und Extremismus. Ich plädiere hier für einen Patriotismus im mesopotamischen Sinne und meine den Pan-Mesopotamismus. Doch dies alles reicht nicht aus. Der Einsicht in die Notwenigkeit eines gesunden Zusammengehörigkeitsgefühls und die professionelle Zusammenarbeit der gesellschaftlichen Institutionen in dieser Hinsicht müssen aufeinander abstimmen.

Raif Toma
Dez./2008

1 Wikipedia, Stand 27.11.2007
2 Christian Lammert, Nationale Bewegungen in Québec und Korsika 1960-2000, Campus, 20004 Ffm. S. 18. 3 Seite 204
4 Pfarrer Emanuel Youkhana in einem Interview mit Sarah Reinke für die GfbV, Göttingen 29.Juno.2005
5 Dr. Joseph Jacob, sein Vortrag „die internationale Anerkennung des assyrischen Volkes“ in Södertalije/Schweden, am 06.12.1987. Raif Toma

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