Pressemitteilung des Assyrischen Jugendverbandes Mitteleuropa e.V. (AJM)

Seyfo 1915 – Ein Verbrechen gegen die Menschheit

„Sie schlugen gewissermaßen dem einzelnen seinen eigenen Tod aus der Hand, zum Beweise, dass ihm nichts mehr und er niemandem mehr gehörte. Sein Tod war nur die Besiegelung dessen, dass es ihn niemals gegeben hatte.“

Im Verlauf des ersten Weltkrieges kam im damaligen Osmanischen Reich großes Unheil über die religiöse und ethnische Minderheit der Assyrer. Der Völkermord an den Assyrern stellt eines der traurigsten Kapitel ihrer Geschichte dar. Die Deportationen und Massaker von 1915 haben das Leben zahlreicher Menschen assyrischer, armenischer und pontos-griechischer Abstammung gekostet.

Die Assyrer bezeichnen dieses dunkle Kapitel ihrer Vergangenheit als Seyfo, welches übersetzt Schwert bedeutet. Es versammelt verschiedene Facetten der Ereignisse zu jener Zeit in einem Wort. Zum einen den Akt der Massakrierung durch das Schwert selbst und das furchtbare Blutbad, das ganze Dörfer und Flüsse in roter Farbe tränkte, zum anderen aber auch einen der Gründe, die dafür genannt werden können; die Zwangsislamisierung und der Ausruf des Jihad über alle nicht-muslimischen Bevölkerungsgruppen des damaligen osmanischen Reiches. Ein anderer ist die Bereinigung des neuen Reiches von nicht-türkischen Bevölkerungsgruppen.

Während sich manche Dörfer und Städte der Assyrer gegen Deportation, Zwangsumsiedlung, Misshandlung, Vergewaltigung und Ermordung teilweise wehren konnten, waren viele ihnen hoffnungslos ausgeliefert und wurden gnadenlos ausgelöscht. Die Zerstörung und Entweihungen zahlreicher Kirchen und Klöster, sowie Ausbeutung alter Kulturschätze waren genauso Teil der Methoden der jungtürkischen Nationalisierungs- und Großmächtepolitik und ihrer kurdischen Verbündeten, wie schon die oben genannte Verachtung jeder Menschenwürde.

Seit jener Zeit leben die Assyrer in Unterdrückung und Vertreibung. Der größte Teil lebt nun in der Diaspora auf der ganzen Welt verstreut. Die wenigsten haben die Zustände in ihrer Heimat, in der sie die Urbevölkerung darstellen, weiterhin ertragen können und die Flucht setzt sich bis heute vor allem im Irak fort.

Zahlreiche historische Untersuchungen haben bereits die Ereignisse von 1896 und 1914-1918 als Genozid eingestuft. Die Konvention der Vereinten Nationen über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords definiert Völkermord, ob es nun zu Friedens- oder Kriegszeiten begangen wird, als ein Verbrechen gemäß internationalem Recht.

Doch dieses Verbrechen wird weiterhin von der türkischen Regierung verleugnet und nicht als Völkermord anerkannt. Mit dieser Lüge müssen die Überlebenden und Nachfahren der betroffenen Völker seitdem leben und jede Bemühung eine Anerkennung der Ereignisse zu erreichen, scheint auf taube Ohren zu stoßen.

Die Anerkennung des Seyfo von 1915 ist für die Assyrer und das kollektive Gedächtnis dieser nunmehr kleinen ethnischen Minderheit von höchster Bedeutung. Wenn schon nicht durch den modernen Staat der Türkei, so doch wenigstens anderer Rechtsstaaten.

So hofft man, dass weitere dem Beispiel Schwedens folgen werden, das die Tötung von 1,5 Millionen Armeniern, 750.000 Assyrern und 500.000 Pontos-Griechen und anderer christlicher Bevölkerungsgruppen während des Ersten Weltkrieges und im Jahre 1896 per Parlamentsresolution als Völkermord eingestuft hat.

Zum Gedenktag des Seyfo will der Assyrische Jugendverband Mitteleuropa (AJM) e.V. auf jene grausamen Verbrechen aufmerksam machen und der Opfer gebührend gedenken. Er fordert die Anerkennung des Völkermordes von 1915 an den Assyrern!

AJM ruft außerdem auf, der gegenwärtigen Lage der Assyrer in ihren Heimatgebieten mehr Aufmerksamkeit zu widmen. In der Türkei und vor allem im Irak sind sie weiterhin Repressalien und gezielter politischer Verfolgung ausgesetzt. Von der Gleichheit Aller kann dort keine Rede sein und das Ziel den Irak zu einem demokratischen Rechtsstaat zu machen, ist noch lange nicht erreicht.

Nach den zahlreichen Fällen von Menschrechtsverletzungen, die die Geschichte unseres Planeten schon kennt, sollte nun endlich die Zeit gekommen sein in Frieden und auf gleichberechtigter Basis miteinander und nebeneinander leben zu können. Wir sollten uns der Vergangenheit erinnern, uns ihr unverfälscht stellen um der Gegenwart und Zukunft als bessere, klügere Menschen begegnen zu können.

24.April 2010
Assyrischer Jugendverband Mitteleuropa (AJM) e.V.

1 Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft
2 siehe „Unser kleinster Verbündeter – Eine kurze Darstellung des assyrischen Volkes im ersten Weltkrieg“ von Rev. W. A. Wigram, ADO-Publikationen – Band 3, Augsburg 1996, ISBN: 3-931358-00-3
3 Artikel 1 der Konvention der Vereinten Nationen

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