Syrisch-Orthodoxe Gemeinde in Augsburg

Als Seelsorger durch ganz Europa

Bitris Ögünc ist für viele Dasinger kein Fremder, denn der 71-jährige Assyrer hat sie als katholischer Seelsorger jahrelang betreut und in der Gemeinde auch kräftig für Zuwachs gesorgt: Seine neun Kinder haben ihm mittlerweile 19 Enkel geschenkt. Von Peter Stöbich

Dasing Bitris Ögünc ist für viele Dasinger kein Fremder, denn der 71-jährige Assyrer hat sie als katholischer Seelsorger jahrelang betreut und in der Gemeinde auch kräftig für Zuwachs gesorgt: Seine neun Kinder haben ihm mittlerweile 19 Enkel geschenkt. In einer Großfamilie mit 16 Geschwistern ist er im türkischen Midyat aufgewachsen. Nach fünf Jahren in einer aramäischen Schule besuchte er eine syrisch-orthodoxe Kirchenschule, an der er mit Ausnahme des Militärdienstes von 1954 bis 1969 als Lehrer tätig war.

„Verglichen mit heutigen Verhältnissen sind die Zustände kaum vorstellbar“, sagt er. „Es gab keine Bücher, und ich war für 180 bis 200 Schüler zuständig, verteilt auf zwei kleine Kirchennebenräume. Unseren Glauben übten wir unter türkischer Herrschaft voller Angst aus und lehrten unsere Muttersprache in ständiger Furcht.“ Der zunehmende Druck seitens der Regierung und der muslimischen Gesellschaft veranlasste ihn 1969, als Gastarbeiter in eine Glasfabrik nach Saarbrücken zu gehen.

Dass er schließlich mit Unterstützung des Augsburger Bischofs Josef Stimpfle Anfang 1971 in seiner Heimat zum ersten Priester der syrisch-orthodoxen Christen in Mitteleuropa geweiht wurde, hatte zur Folge, dass sich viele Assyrer im Augsburger Raum niederließen.

Die Gottesdienste fanden damals hauptsächlich in katholischen oder evangelischen Kirchen statt, welche die jeweiligen Pfarrer zur Verfügung stellten. „In der Augsburger Maximilianstraße wurde ein Sozialbüro für syrisch-orthodoxe Christen eingerichtet“, berichtet Ögünc, „und nach einem viermonatigen Deutsch-Studium am Goethe-Institut war ich als einziger Sozialbetreuer in ganz Europa unterwegs.“ Weil er nie den Führerschein gemacht hatte, fuhr er von seiner Wohnung in Laimering aus mit Bus und Bahn täglich Hunderte von Kilometern zu seinen Schützlingen.

Dass ihn in dieser Zeit seine Frau Atiya kaum sah, war noch das geringste Problem. Denn Mitte der 70er Jahre gab es noch keine schnelle Kommunikation per E-Mail oder Handy, so dass er seine Besuche und Gottesdienste mit viel Geschick und Improvisationstalent organisieren musste. Dazu kam die Organisation von Stipendien für syrische Studenten.

Ein falscher Namen am Türschild

Wegen Unstimmigkeiten mit der Führung seiner Mutterkirche trat Ögünc 1990 der katholischen Kirche bei, die seine Priesterweihe anerkannte und ihn in Dasing als Pfarrer einsetzte. Aufgrund seiner Arbeit für Christen erhielt er mehrmals muslimische Drohbriefe und klebte auf Anraten der Polizei einen falschen Namen auf Briefkasten- und Klingelschilder. In seine frühere Heimat wagte er sich in den Jahren zwischen 1972 und 2004 gar nicht mehr und kehrte erst im Ruhestand 2005 für einige Zeit nach Midyat und dann auch wieder in die syrisch-orthodoxe Kirche zurück.

Obwohl er im Kreis seiner großen Familie heute ein ruhiges Rentnerdasein in Dasing genießen könnte, steht Bitris Ögünc fast jeden Tag um 4.30 Uhr auf, um seinem Hobby nachzugehen:

Handschriftlich verfasst er Bücher über Heilige und Sakramente, Geschichte, Naturwissenschaft und viele andere Themen. Mit Feder und Tinte sind so bis heute mehr als 250 selbstgebundene Exemplare entstanden, die an mittelalterliche Kunstschätze erinnern. Bis zu 1500 Stunden arbeitet er an einem einzigen solchen Werk in arabischer Schrift. Außerdem spricht er Aramäisch, Deutsch, Englisch, Kurdisch und Türkisch.

Mehr Informationen über die assyrische Gemeinde in Augsburg und die Gründung des Mesopotamien-Vereins gibt es im Internet unter www.bethnahrin.de.

Quelle: Augsburger-Allgemeine

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