Mehrere Assyrische Organisationen verfassen ein gemeinsames Schreiben

Der Friedensprozess und die Assyrer

Die Assyrer, die innerhalb der Grenzen der Türkei leben, sind eine der ältesten Gemeinschaften im Nahen Osten. Als eine der ältesten christlichen Gemeinschaften haben sie in Mesopotamien bzw. dem Südosten Anatoliens ein großes historisches Erbe geschaffen. Von der Zeit der Seldschuken bis zur heutigen Republik Türkei waren die Assyrer eine friedliches, mit dem Staat verbundenes Volk.

Im Vertrag von Lausanne, das die Grundlage der Gründung der Republik Türkei bildet, gibt es zwar konkrete Bestimmungen bezüglich der Minderheiten, aber auf die Minderheitenrechte wird nur vage eingegangen. Weil die Assyrer im Vertrag nicht als nicht-muslimische Minderheit erwähnt wurden, konnten sie von den in Aussicht gestellten Rechten nicht profitieren.

Obwohl die Assyrer in der Türkei als Nicht-Muslime eine ethnisch eigenständige Identität besitzen, sind sie nicht durch die Verfassung geschützt. Deshalb ist ihre Sprache, die zu den ältesten Sprachen der Welt gehört, im Prinzip verboten. Den Assyrern, die eine uralte Kultur besitzen, werden ihre religiösen und kulturellen Rechte vorenthalten.

Wir Assyrer glauben, dass jeder das Recht auf ein Leben in Würde auf der Grundlage von Rechten und Freiheiten besitzt. Wir sind für Gleichberechtigung, lehnen jede Diskriminierung und Segregation ab und betrachten Unterschiede als Quelle kulturellen Reichtums. Wir Assyrer glauben an die Gleichberechtigung und möchten als gleichberechtigte Staatsbürger einer demokratischen Türkei leben, die das internationale Recht und die Menschenrechte anerkennt.

Wir Assyrer leben seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte mit den anderen befreundeten Völkern der Region zusammen und sagen, dass, wenn in diesem Land Demokratie herrschen soll, alle Völker der Türkei mit einbezogen werden müssen.

Im Zusammenhang mit dem Demokratisierungs- und Öffnungsprozess betrachten wir es als notwendig, dass wir unsere Ansichten und Vorschläge als Assyrer in diesem Land der Öffentlichkeit mitteilen.

Entsprechend des Vertrages von Lausanne und den Kopenhagener Kriterien sind folgende Bedingungen für ein Leben in Frieden und Sicherheit für die Minderheiten erforderlich:

Wir wollen die Anerkennung der assyrischen Identität und eine neue Verfassung, mit der die rechtliche Sicherheit für alle Identitäten unter dem Schirm einer Türkei gewährleistet wird.

Wir wollen die Beseitigung aller Behinderungen der assyrischen Sprache und Kultur, das Recht auf Ausbildung in der Muttersprache, die Anerkennung der assyrischen Sprache in der Region und den Metropolen, wenn dies gefordert wird. Ferner müssen die kulturellen Rechte der Minderheiten respektiert werden.

Wir wollen die Anerkennung der Glaubensfreiheit, der Redefreiheit, das Recht auf politische Betätigung und Organisierung, die Beseitigung der Paragraphen und Artikel in der Verfassung und den Gesetzen, die diskriminierend sind. Vor allem muss die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts beseitigt werden.

Wir wollen den Schutz des historischen Erbes der Assyrer in Obermesopotamien.
Als ein Projekt der gesellschaftlichen Versöhnung, des Friedens und der Freundschaft, soll den Rückkehrern aus der Diaspora Sicherheit geboten werden.

Um die Wunden, die bis in die Vergangenheit zurückreichen zu heilen, wollen wir die Tür für eine Aufarbeitung der Geschichte offen halten und eine Kultur der Toleranz in der Türkei durchsetzen.

Das System der Dorfschützer – eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu einem gesellschaftlichen Frieden – muss beseitigt werden. Wir wollen, dass mit sozialen und ökonomischen Projekten die Rückkehr der Assyrer in ihre Dörfer ermöglicht wird. Gleichzeitig müssen alle Beschränkungen des Erwerbs von Eigentum beseitigt werden.

Der Rechtsstreit um Mor Gabriel muss in einer Art und Weise wie es in einem Rechtsstaat üblich ist gelöst und die dem Kloster gehörenden Ländereien so schnell wie möglich an die im Kloster lebenden wahren Eigentümer zurückgegeben werden.

Die materiellen und geistigen Privilegien, wie sie den Moscheen und Cem-Häusern zugestanden werden, müssen auch den Kirchen zugute kommen, denn wie alle türkischen Staatsangehörigen entrichten auch die Assyrer Steuern.

Alle Einschränkungen der Pressefreiheit müssen beseitigt werden. Es dürfen keine Hindernisse für Veröffentlichungen in der Muttersprache bestehen.

Wir wollen, dass Maßnahmen ergriffen werden, um jede Form von versteckter und offener Diskriminierung von Nicht-Muslimen zu beseitigen. Jeder assyrische Staatsbürger soll das Recht haben, in öffentlichen, staatlichen Einrichtungen, in den Streit- und Sicherheitskräften tätig zu sein.

Parallel zu den oben genannten Punkten soll denjenigen, denen die Staatsangehörigkeit entzogen wurde oder denen rechtlich die Rückkehr in die Türkei verwehrt wird, die Möglichkeit geschaffen werden, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. So kann der Wunsch nach einer Türkei in Frieden und Harmonie, wo Minderheiten die Chance haben in Freundschaft zu leben, verwirklicht werden.

Alle Kräfte können daran mitwirken, dass bei Wahrung der nationalen und internationalen Interessen der Türkei eine Grundlage für ein Leben in Frieden und Harmonie geschaffen wird, damit die bestehenden Probleme gelöst, die Wunden geheilt und das Leben in der Diaspora beendet wird.

Die Unterzeichner der Vereine und Plattformen:

Plattform für Freundschaft, Kultur und Solidarität der Assyrer Izmir
Aufbauverein für das Dorf Elbegendi
Aufbauverein für das Dorf Anitli Mutter Maria
Assyrischer Kulturverein Mardin-Midyat
Aufbauverein des Dorfes Alagöz
Verein zum Schutz der Kirchen und Klöster in Nusaybin
Aufbauverein des Dorfes Yemisli
Istanbul Mezo-Der

 

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