Vorsitzender des Assyrischen Mesopotamien Verein Augsburg

Solche Anschläge machen uns keine Angst, sondern härten unseren Glauben mehr

Bethnahrin.de hatte die Gelegenheit mit dem Vorsitzenden des Assyrischen Vereins in Augsburg, Herrn Gebro Seven, ein Interview zu führen. Seven berichtet in diesem Interview über die Gründung des Vereins, die Spaltung des Vereins und den zuletzt geübten Anschlag auf ihn und seiner Ehefrau in Midyat.

Shlomo, kannst du uns zuerst sagen, wer Gebro Seven ist?

Ich bin in Midyat/Tur Abdin (Nordmesopotamien/Süd-Ost-Türkei) geboren und gehöre der Familie Bahdi an, die vor 400 Jahren von Benechin nach Midyat umgezogen ist. Ich bin verheiratet und habe fünf Kinder.

In Midyat besuchte ich die Volks- und Mittelschule, bevor ich 1968 nach Augsburg/Deutschland kam. Zur dieser Zeit gab es in Augsburg nur 4 Assyrer.

Von 1972 – bis August 1974 ging ich in die Türkei zurück und leistete dort meinen Militärdienst ab.

Kaum in Augsburg wieder angekommen begannen einige Freunde und ich 1975 mit der ersten kulturellen Arbeit (Fulhono Umthonoyo), in dem wir eine Schule für die assyrische Sprache (Leshono Suroyo) gründeten. Dies war die erste Schule in Europa (ausgenommen Skandinavien), die unsere Sprache lehrte.

Durch unsere Aktivitäten wurde es auch möglich, einen syrisch‑orthodoxen Kirchenrat in Augsburg zu organisieren. Allerdings haben wir diesen nicht registriert.

Seit Gründung des Mesopotamien Vereins am 28.10.1978 bin ich Mitglied und habe alle Positionen im Verein durchlaufen.

Welche Rolle spielte der Mesopotamien Verein in deinem Leben?

Vorab will ich erwähnen, dass ich an eine sozialpolitische und kulturelle Arbeit glaube. Ich bin auch der Meinung, dass man einem ethnisch-religiösen unterdrückten Volk, wie wir es sind, durch eine patriotische und organisierte Arbeit helfen kann.

Um auf die Frage, zurückzukommen, welche Rolle der Verein in meinem Leben spielte, kann ich sagen, da der Verein ein Teil der sozialpolitisch und kulturellen Arbeit ist, spielt er bis heute eine sehr große Rolle in meinem Leben. Der Verein ist wie eine große Familie für mich. Genauso wie die gesamte Familie Einfluss auf ein Familienmitglied hat, so hat der Verein auch Einfluss auf mich.

Wie siehst du als Vorsitzender die Zukunft des Vereins?

Seit der Gründung hat sich der Verein immer mit der Zeit entwickelt. Er hat sich etabliert und mehrere Ausschüsse mit bis heute sehr hohen jugendlichen Anteil gründen können, wie z. B. Vorstandschaft, Frauengruppe, Fußballmannschaft, Theatergruppe, Folkloregruppen, Mutter-Kind-Gruppe, Webteam und Kulturabteilung.

Erfreulich ist auch, dass sich der Mesopotamien Verein als einer der bekanntesten Migrantenvereine in Augsburg festigen konnte vor allem durch verschiedene Projekte wie Migra-Net oder mit der Gründung der Interkulturellen Akademie und weitere.

Ich sehe also der Zukunft des Vereins sehr optimistisch entgegen.

Was kannst du zur Spaltung des assyrischen Volkes vor ca. 30 Jahren sagen und welche Möglichkeiten gibt es, den Namenskonflikt zu lösen?

Wenn ich persönlich das Wort „Spaltung“ höre, bin ich gegen diesen Begriff und finde ihn nicht korrekt. Vor mehr als 30 Jahren, als der erste nationale Gedanke in Europa bei den Assyrern wieder nach sehr vielen Jahren begann, gab es keine Vereine und Organisationen, die etabliert waren. Unser Volk identifizierte sich mit dem Volk, dessen Staatsangehörigkeit es besaß. Es ist bekannt, dass unser Land geographisch nicht zu unseren Gunsten aufgeteilt worden ist, sondern in verschiedene Länder geteilt wurde. Deswegen bin ich der Meinung, dass der nationale Gedanke nicht unser Volk gespalten hat, ganz im Gegenteil, man wollte wieder damit die eigene assyrische Identität, Kultur usw. herstellen.

Viele meinten, als wir den Verein gründeten, dass wir bei 0 begonnen haben. Dies stimmt nicht. Wir haben sogar unter dem Punkt Null begonnen. Zum Zeitpunkt der Gründung des Vereins, wusste keiner was überhaupt ein Verein war, da uns dies in der Heimat verboten war. Selbiges gilt für den nationalen Gedanken. Also, was sollten wir unter dem Null Punkt spalten? Wenn einige allerdings meinen, dass der nationale Gedanke unser Volk nicht unter einem Namen vereinen konnte, ist dies richtig. Jedoch sollte man sich die Frage dabei stellen, ob man ein Volk innerhalb von 20 oder 30 Jahren unter einem Namen vereinen kann, dass unter dem Null Punkt begonnen hat.

Später, als sich die assyrische Bewegung festigte, kamen leider innerhalb als auch außerhalb unseres Volkes Mächte zum Vorschein, die nicht wollten, dass wir weiterhin unsere Identität wiederherstellen und spalteten uns. Dies geschah dadurch, dass man eine Bewegung gegen die assyrische neu ins Leben rief und Aktivitäten gegen die Assyrer machte.

In der Geschichte hatte unser Volk verschiedene Namen benutzt Assyrer, Suryoye, Babylonier usw. Dagegen sagt keiner was. All diese Namen gehören unserem Volk. Es hat also keinen historischen Hintergrund für die Verwendung dieses Namens, mit dem uns spaltete, gegeben.

Für mich kommt auch der Begriff Suryoyo (Suroyo) von Othuroyo und beide sind meiner Meinung nach Synonymen, was auch von Assyriologen bestätigt worden ist.

Aber wenn man z. B. innerhalb einer Familie schaut und sich einer der Familienmitglieder Assyrer und der andere Aramäer nennt, ist dies nicht in Ordnung. Beide sind Brüder und gehören derselben Familie an.

Leider ist meiner Ansicht nach, unser Volk auch von einer Einheit weit entfernt. Wenn wir uns wirklich als Patrioten (Umthonoye) sehen, sollten wir alle die Namensstreitigkeiten beiseite lassen und in vielen Bereichen zusammenarbeiten wie z. B. für eine Verbesserung der Lage unseres Volkes im Irak, der mögliche EU-Beitritt der Türkei oder für die Anerkennung des Völkermords (Seyfo) an den Armeniern, Assyrern und Pontos-Griechen von 1915. Es kann keiner behaupten, unabhängig wie sich die Person bezeichnet, dass keiner in seiner Familienangehörigen im Seyfo nicht getötet wurde. Ich sehe also keinen Grund dafür, wieso wir nicht in diesen Bereichen zusammenarbeiten und unsere Streitigkeiten wenigstens zu diesen Themen beiseite räumen sollten.

Kommen wir zu etwas anderem. Am 30.08.2006 wurde eine Handgranate in euer Haus in Midyat geworfen. Gott sei Dank, ward ihr zu diesem Zeitpunkt im Kloster Mor Gabriel und konntet diesem Anschlag entgehen. Wie hat sich dieser auf deine Ansicht der Rückkehr unseres Volkes in die Heimat ausgewirkt?

Dieser Anschlag hatte keine Auswirkungen sowohl auf die Rückkehr als auch auf den nationalen Gedanken des assyrischen Volkes. Kurz nach diesem Anschlag reisten etwa 30 Assyrer aus Augsburg wieder nach Midyat. Solche Anschläge machen uns keine Angst, sondern härten unseren Glauben mehr. Sie sind zwar nichts erfreuliches, allerdings muss man damit rechnen. Im Vergleich zu anderen schlimmen Ereignissen, die unserem Volk leider widerfahren sind, ist dies doch harmlos. Ich muss aber hier auch erwähnen, dass ich diese Sichtweise ein halbes Jahr nach dem Anschlag habe.

Vor kurzer Zeit wurde von Robert Alaux und Nahro Beth-Kinne eine Dokumentations-DVD über den Seyfo mit dem Namen „SEYFO L´ELIMINATION“ herausgebracht. Was kannst du uns über diese DVD sagen?

Ich habe mir diese DVD angeschaut und muss sagen, dass sie sehr professionell gemacht worden ist. Unter professionell meine ich damit unter anderem die Technik. Man kann diese DVD nicht nur in unserer Sprache anschauen, sondern auch in Französisch.

Diese DVD bietet aber noch viel mehr beispielsweise:

  • Interviews mit Menschen, die den Seyfo erlebt haben.
  • Interviews mit Seyfo-Experten
  • Es werden Aktivitäten für die Anerkennung des Völkermords (Seyfos) gezeigt und noch viel mehr.

Ich bitte daher jede Person unseres Volkes, die DVD zu kaufen und diese professionelle Arbeit zu unterstützen.

Bethnahrin.de bedankt sich für das Interview.

 

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