Seyfo Vortrag in Wiesbaden

Stumme Schreie, die Erde getränkt mit Blut. Mehr als 500 Tausend unschuldige Assyrer (Aramäer, Chaldäer) mussten ihr Leben verlieren.

"Nur weil sie anders waren?" " Nur weil sie Christen waren?" " Nur weil sie von einem anderen Volk stammen?? Kinderschreie die bis in den Himmel ragten, die verzweifelt nach Mutter suchten, verwahrlosen auf den Straßen. Nur weil sie Christen waren?

Ein Massaker welches 1846 begann und bis heute seinen Lauf nimmt und die Welt schaut nur zu! Warum??

Mit der Frage „Warum“ begann der sehr ergreifende und emotionale Vortrag von Sabri Atman, ein Aktivist der sich seit Jahren mit der Frage des Seyfos beschäftigt.

Der Vortrag wurde am 09. April in der hessischen Landenshauptstadt Wiesbaden gehalten. Herr Atman versetzte die 150 anwesenden Assyrer in die Zeit als das grausame Massaker begann. Unter den anwesenden befanden sich verschiedene politische, kulturelle und religiöse Institutionen wie die Assyrisch Demokratische Organisation (ADO), Zentralverband der Assyrischen Vereinigungen in Deutschland Europäische Sektion (ZAVD), Assyrische demokratische Bewegung (ADB-Deutschland), Shuraya Partei, Assyrische Befreiungspartei (GFA), Mesopotamien Assyrischer Kultur und Sportverein Wiesbaden e.V., der Syrisch-Aramäische Kultur- und Sportverein Wiesbaden e.V., die Assyrische Kirche des Ostens und die beiden Syrisch-Orthodoxe Gemeinden in der Stadt.

Mit dem beginnenden Zerfall des Osmanischen Reiches, verbreitete sich die Angst unter der Jungtürkenbewegung für Einheit und Fortschritt ( Ittihat ve Teraki ), dass die christlichen Völker ihre politische und territoriale Unabhängigkeit erlangen könnten. Um diesen Vorhaben entgegen zu treten, begann die systematische Vernichtung der Christen im Reich. Folglich begannen 1914/1915 die ersten Massaker und Vertreibungen. Unter der Befehlsgewalt des Kriegsministers Talat Pasa wurden überall im osmanischem Reich die christlichen Völker auf eine massive Art und Weise dezimiert. Dabei kamen auf grausamster Weise mehr als 500 Tausend Assyrer,1,5 Millionen Armenier und 100 Tausende Pontusgriechen ums Leben.

Herr Atman ging mit bewegenden Bildern von massakrierten im Hintergrund auf die Taten der Mörder ein und schilderte die grausamen Methoden und Vorgehensweisen. Ebenso wurden Aufnahmen von Überlebenden gezeit, die die Massaker miterlebt haben. Der 112 jährige Hanen schilderte in einem Interview während der Massaker was er erlebt hat. Im Anschluss berichtete er den Anwesenden von weiteren Erlebnissen die während dieser schrecklichen Zeit geschehen sind.

Ein Erlebnis welches mich am meisten berührt hat möchte ich euch erzählen:

In der Stadt Siirt lebte eine alte muslimische Frau. Eines Tages hörte Sie dass ein Christ in der Stadt sei, welchen sie unbedingt sehen wollte. Als dieser dann den Raum betrat beugte er sich zu ihr und grüßte sie auf Kurdisch. Die alte Frau konnte es nicht glauben und fragte ihn noch mal ob er wirklich ein Christ sei, er bejate dies. Sie wollte wissen ob er ein Assyrer sei, er antwortete ebenso mit ja. Erfreut reichte sie ihm zwei Bücher und bat ihn diese einem Pfarrer in einer Kirche abzugeben.

Erstaunt wollte der Mann wissen, woher sie diese assyrischen Bücher hat und wie viel Geld sie dafür haben wolle. Lächelnd antwortete sie ihm, „ich brauche kein Geld, ich bin zu alt und kurz vom sterben, was soll ich mit dem Geld machen“. Dann bat sie ihn sich zu setzen und begann zu erzählen.

“ Sie lockten uns Kinder mit Süßigkeiten und als sie schließlich eine Gruppe von 100 Kindern zwischen 7-17 Jahren zusammen hatten, brachten sie mit uns zu einem Berg. Dort begangen sie einen nach dem anderen gegen die Felsen zu schleudern. Als sie schließlich müde waren, rief einer von ihnen “ wer von euch weiß wo eure Eltern das Essen und Vorräte versteckt haben „?. Ein Mädchen rief ich, „ich weis es, aber ihr müsst mit dem Morden aufhören dann zeige ich euch das Versteck“! Dann gingen sie mit uns zur Kirche und holten das ganze Essen raus und aßen bis sie satt waren. Danach suchten sie in der Kirche nach Wertschätzen und fanden viele wertvolle Bücher und Gegenstände. Sie nahmen alles raus in den Hof und machten ein großes Feuer. Danach nahmen sie alle bücher und verbrannten diese. Anschließend begannen sie die Kinder einen nach dem anderen ins Feuer zu werfen. Ich konnte mich davonschleichen und habe mich versteckt bis sie aus dem Dorf gegangen waren. Als Beweiss zeigte die alte Frau ihm ihre verbrannte Schulter. Schließlich sagte Sie ihm „ich bin auch eine Assyrerin, ich bin auch eine Christin und ich werde auch als Christin sterben auch wenn man mich zu einer Muslime gemacht hat“. Voller Trauer nahm der Mann die Bücher und ging fort.“

Das war nur ein Beispiel von vielen. Viele Assyrer wurden auf solch einer grausamen Weise gefoltert und getötet. Selbst nach dem Völkermord von 1914/15 nahmen die Unterdrückungen und Verfolgungen kein Ende. Mit der Gründung der modernen Türkei im Jahre 1923 wurde die Identität der Assyrer verleugnet. In den dreißiger Jahren wurden alle Nichttürkischen Namen verboten und in türkische umgewandelt. Während und nach dem zweiten Weltkrieg fanden unter dem Slogan “ kauft nicht bei den Ungläubigen“ wirtschaftliche Restriktionen statt. Nach dem Militärputsch zu Beginn der 80 ger, wurden 100 Tausende Studenten und Oppositionelle verhaftet und Mundtod gemacht.

Innerhalb der jungen assyrischen Generation gewinnt die Frage nach der nationalen Identität und der Frage des Völkermordes immer mehr an Bedeutung. Weltweit finden Vorträge, Kundgebungen, Demonstrationen und andere demokratische Aktivitäten statt, mit dem Ziel die Anerkennung dieses traurigen Kapitels in der Geschichte unseres Volkes, zu erreichen.

Abschließend möchte ich einen Appel an alle Assyrer ( Aramäer, Chaldäer) richten:

Um die Suche nach unserer Identität zu beenden, müssen wir uns intensiver mit unserer Geschichte auseinander setzen. Nur dadurch können wir verstehen wie der Völkermord stattfand und warum wir unsere Heimat verlassen mussten. Die Frage des Völkermordes kann nur durch uns aktualisiert und an die Öffentlichkeit gebracht werden, damit ein aufgeschlossener Dialog mit den Tätern und Opfern geführt werden kann um ein gemeinsames Miteinander leben führen zu können.

Bericht von Maria Akcan

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