Trauer und Ohnmacht überlagern für viele christliche Syrer die Feiertage

Weihnachten im Schatten des Krieges

Trauer und Ohnmacht überlagern auch in diesem Jahr für viele christliche Syrer die Feiertage. Am Heiligen Abend kommen wehmütige Erinnerungen an Traditionen und Bräuche auf, die in Friedenszeiten gepflegt werden konnten.

Augsburg – Es ist eine heikle Balance für die christlichen Syrer, die in Deutschland leben: Weihnachten als Fest der Freude zu begehen, das fällt angesichts des blutigen Bürgerkriegs in der Heimat schwer. Viele Familien sind dem Krieg mit knapper Not entkommen, oft sind Opfer im Kreis der Verwandten und Freunde zu beklagen. „Natürlich überwiegt auch in diesem Jahr die Trauer am Heiligen Abend, dennoch versuchen wir, für unsere Kinder etwas festliche Stimmung zu erzeugen“, sagt der Assyrer Issa Hanna, der in Augsburg lebt, unserer Zeitung.

Doch auch Issa weiß, dass die Mädchen und Jungen den dunklen Schatten, der – wie schon in den letzten Jahren – über dem Weihnachtsfest liegt, ganz genau spüren werden. Die Meldungen aus Syrien geben kaum Anlass zur Hoffnung. Bereits mehr als 130000 Menschen haben nach Angaben der Vereinten Nationen ihr Leben verloren, rund 2,3 Millionen sind als Flüchtlinge registriert. Die tatsächliche Zahl derjenigen, die in der Fremde Schutz suchen vor den Truppen des Regimes oder außer Kontrolle geratenen islamistischen Rebellengruppen, dürfte weit höher liegen. Besonders bedroht ist die christliche Minderheit im Land, die vergeblich versucht hat, sich aus dem immer schwerer zu überschauenden Konflikt herauszuhalten. Hilfsorganisationen schätzen, dass bereits etwa 25 Prozent der Christen geflohen sind – in die Nachbarstaaten, aber auch zunehmend nach Europa.

All dies bedrückt Hanna Issa, der als zweiter Vorsitzender der Assyrischen Demokratischen Organisation (ADO) in Europa den Kontakt nach Syrien hält und Hilfsaktionen organisiert. Vor wenigen Tagen erst war der orthodoxe Erzbischof der christlichen Hochburgen Homs und Hama, Silvanos Boutros Al-Nehme, zu Gast in Augsburg. Gute Nachrichten brachte der Würdenträger nicht mit. Doch seine Anwesenheit ließ bei Issa und seinen Landsleuten wehmütige Erinnerungen an unbeschwerte Weihnachtsfeste im Syrien vor dem Krieg aufkommen. Insbesondere in den überwiegend von Christen bewohnten Städten und Dörfern wurden die Traditionen und Bräuche liebevoll gepflegt.

Weihnachten in Syrien, das erfordert zunächst einmal eine gewisse Ausdauer, denn geschlafen wird vom Morgen des 24. Dezember bis am Abend des ersten Feiertages nicht. Heilig Abend erklingt schon am Vormittag das Lied der Hirten, wenn es auf die Felder geht, um etwas Holz zu sammeln. „Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade!“ – dieser Refrain wird immer wieder gesungen. Das Holz wird auf den Höfen der Kirchen aufgeschichtet und angezündet. „Jede Familie entflammt daran eine Kerze. So gelangt das Feuer in die Häuser der Christen. Früher, als es noch keinen elektrischen Strom gab, wurden damit die Öllampen angesteckt“, erklärt Issa. Zu Hause wartet ein einfaches Abendessen. Die Wohnungen sind festlich dekoriert – vor einigen Jahren kamen künstliche Weihnachtsbäume in Mode. „Es riecht überall nach Weihnachtsplätzchen, ,Klica‘ genannt.“

Am Abend brechen die Familien erneut auf. Mancherorts führen Prozessionen durch geschmückte Straßen. Gegen 2 Uhr morgens beginnt der Gottesdienst – er dauert geschlagene vier Stunden. Dann geht es wieder nach Hause. Doch bald darauf besuchen sich die Kinder in der Nachbarschaft, sie beschenken sich mit Süßigkeiten. Eine Zeremonie, die sich gegen 11 Uhr wiederholt – dann sind die Erwachsenen an der Reihe. „In Städten, in denen Christen Tür an Tür mit Moslems wohnten, besuchte man sich an hohen Feiertagen auch gegenseitig“, erinnert sich Issa. Dann bereiten die Frauen im Haus dasgroße Festmahl vor. Es gibt Platten mit Lamm, Gemüse, Reis und Früchten. Ausgiebig wird getafelt.

Wie schafft man es, die Kinder so viele Stunden ohne Schlaf bei Laune zu halten? „Die Aufregung, die Freude und die Geschenke halten sie wach“, sagt Issa. Und es geht weiter. Die Bewohner versammeln sich am Abend auf den Plätzen im Herzen der Städte und Dörfer. Man unterhält sich, spielt traditionelle Spiele. Ein Gläschen Wein gibt es übrigens erst am Abend des ersten Weihnachtsfeiertages – danach endlich wird geschlafen.

So war es einmal. Das letzte friedliche Weihnachten wurde in Syrien 2010 gefeiert. Wer Hanna Issa fragt, ob es jemals wieder so werden wird, bekommt eine vage Antwort: „Auf jeden Fall wird es sehr, sehr lange dauern.“ Das klingt nicht optimistisch, aber doch nicht ganz ohne Hoffnung.

Christen in Syrien

Geschichte

Bereits im ersten Jahrhundert nach Christus entstanden auf dem Gebiet des heutigen Syrien erste christliche Gemeinden. Heute sind rund zehn Prozent der insgesamt 20,4 Millionen Syrer Christen.

Syrisch-Orthodoxe

Die syrischorthodoxe Kirche sieht sich in der Nachfolge der Apostel Petrus und Paulus. Sie hat rund eine Million Anhänger.

Griechisch-Orthodoxe

Auch das griechisch-orthodoxe Patriarchat von Antiochien beruft sich auf die Apostel Petrus und Paulus. Im Nahen und Mittleren Osten lebt noch rund eine Million Mitglieder.

Melkiten

Rund 1,5 Millionen arabischsprachige Katholiken in Syrien sind in der melkitischen Kirche vereint. (epd)

Von Simon Kaminski

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