Assyrische Christen im Nahen Osten

Issa Hanna zu Gast beim Quickborn-Arbeitskreis

Ein sehr informatives Wochenende erlebten die Teilnehmer der Tagung zum Thema „Die Assyrischen Christen und ihre Perspektiven im Nahen Osten“ am 16./17.03.2012 auf Burg Rothenfels am Main. Referent war Issa Hanna, 2. Vorsitzender der Assyrisch Demokratischen Organisation/Europa (ADO) aus Augsburg. Zu der Veranstaltung eigeladen hatte der Quickborn-Arbeitskreis des Ost-West-Kreises, einer Gemeinschaft von katholischen Christinnen und Christen aller Altersgruppen.

Zahlreiche interessierte Katholiken nahmen an diesem Tagungswochenende des Arbeitskreises Quickborn auf Burg Rothenfels teil, um mehr über die Assyrischen Christen und die syrisch-orthodoxe Kirche zu erfahren. Nicht nur die religiösen, sondern auch die politischen Perspektiven in der aktuellen Umwälzungsphase im Nahen Osten waren Thema des Vortrages von Issa Hanna, dem 2. Vorsitzenden der Assyrisch Demokratischen Organisation, Sektion Europa.

Glaubenslehre der syrisch-orthodoxen Kirche und ihre Hierarchie

In seiner Einführung am Freitagabend vermittelte Issa Hanna den Tagungsteilnehmern Kenntnisse über die Glaubenslehre der syrisch-orthodoxen Kirche zu Antiochien und die Entwicklung der hierarchischen Strukturen. Er zeigte dabei die Ähnlichkeiten zwischen der syrisch-orthodoxen und der katholischen Kirche auf. Sowohl die Antiochenisch Syrisch-Orthodoxe Kirche als auch die Römisch-Katholische Kirche stimmen im Glauben an den einen Herrn und Gott Jesus Christus absolut überein, so dass eine völlige gegenseitige Anerkennung besteht. Der Referent bezog sich in seinen Ausführungen auf den Inhalt des im Jahr 1971 zwischen Papst Paul VI. und Mor Ignatius III geschlossenen Vertrages, in dem diese glaubensmäßige Übereinstimmung fixiert worden war. Darin bekannten sich beide Kirchenoberhäupter dazu, dass hinsichtlich des Wortes Gottes Jahrhunderte hindurch nur in den unterschiedlichen theologischen Ausdrucksweisen, in denen dieser Glaube ausgesagt wurde, Schwierigkeiten bestanden hätten.

Im zweiten Dekret vom Jahr 1984 zwischen Papst Johannes Paul II und Mor Ignatius Zakka I. hatten die Kirchenoberhäupter die Beziehungen zwischen den beiden Schwesterkirchen bekräftigt, der Kirche von Rom und der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien.

Als Ursache für Eigenständigkeit der beiden Kirchen wird lediglich die unterschiedliche Hierarchie angesehen. So existieren im syrisch-orthodoxen Glauben drei sakrale Weihestufen ( Diakonat, Presbytorat und Epeskopat). Zudem ist die hierarchische Reihenfolge festgelegt (Sänger, Leser, Subdiakon, Archidiakon, Priester, Chorepiskopos, Episkopos, Metropolit, Katholikos und Patriarch). Auch heute noch gelten diese strengen Hierarchiestufen, die in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts entstanden sind, in der syrisch-orthodoxen Kirche als verbindlich.

Geschichte und Entwicklung der christlichen Assyrer bis heute

Einen umfassenden Überblick zur geschichtlichen Entwicklung der Assyrer bis in die Gegenwart gab der 2. Vorsitzende der ADO Hanna am Samstagvormittag. Er erläuterte dabei nicht nur die religiösen Aspekte, sondern behandelte auch die politischen Hintergründe.

Die assyrischen Christen gelten als Nachfahren der altorientalischen Völkerschaften der Assyrer, Chaldäer und Aramäer. Durch den Minderheiten- Status habe das assyrische Volk im Verlauf der Geschichte sehr viel Unterdrückung und Dezimierung erfahren. Die Assyrischen Christen seien gegenwärtig in den Nahost-Staaten Irak, Syrien, Türkei, Libanon sowie in den westlichen Ländern und in Übersee beheimatet, so Hanna. Seit dem 19. Jahrhundert, mit Beginn des modernen Nationalgedankens in Europa, der sich auch nach Asien und Afrika ausbreitete, sei Anfang des 20. Jahrhunderts auch bei den Christen eine nationale Bewegung entstanden. Ungeachtet der jeweiligen Konfessionszugehörigkeit bekenne sich heute ein Großteil der syrischen Christen zur Nation der Assyrer. Die Assyrisch Demokratischen Organisation, die 1957 in Syrien als nationale, politische und demokratische Bewegung mit dem Ziel gegründet worden war, die Existenz des christlichen assyrischen Volkes im Nahen Osten in voller Verwirklichung ihrer nationalen Rechte zu bewahren sei heute im Hinblick auf die aktuelle prekäre Situation der Assyrer in ihren Heimatländern mehr als notwendig. Gerade durch wachsende Repressionen und Mordanschläge werde die Lage verschärft. Als nicht legitimierte politische Partei würde deren eigenständige kulturelle oder politische Betätigung vom syrischen Regime als eine das System gefährdende Opposition begriffen und vom syrischen Geheimdienst aufs schärfste kontrolliert. Durch Razzien, Übergriffe, willkürliche Verhaftungen und mit Folter werde systematisch versucht, die Bewegung zu eliminieren. So waren z.B. im Mai 2011 von syrischen Sicherheitskräften nach einer friedlichen Demonstration in Qamishly 13 hochrangige Mitglieder der ADO verhaftet worden.

Musik als wesentliches Element in der Syr.-Orth. Kirche

Im zweiten Teil seines Vortrages widmete sich Issa Hanna der Musik als wesentliches Element in der Liturgie der syrisch-orthodoxen Kirche, wie auch in der Volksmusik. Bis heute werden in den Messen poetische Werke syrischer Dichter seit dem 4. Jh. gesungen, die in Syrisch/Aramäischer Sprache verfasst sind. Syrisch ist ein Dialekt des Altaramäischen, der bis heute eine lebendige Sprache geblieben ist und besonders für Liturgie und kirchliche Kommunikation gebraucht wird.

Schon in der Vergangenheit hätten die Kirchenväter erkannt, dass musikalische Untermalung von Gebeten die Aufmerksamkeit der Gläubigen erhöhe und sich so die Worte leichter ins Gedächtnis einprägten. So konnten frühe Dichter durch ihre Kompositionen mit religiösen Inhalten und Motiven aus dem heiligen Evangelium zur Unterweisung, Verbreitung und Vertiefung des christlichen Glaubens beitragen. Bereits im 4. Jahrhundert galt Ephrem der Syrer (+373) als Vorreiter der syrisch-orthodoxen Kirchenmusik. Seine religiösen Hymnen, geistlichen Dichtungen und Melodien, die er in die Kirche brachte, finden auch heute noch Anwendung in der syrischen Kirchentradition. Er war auch der Erste, der Mädchenchöre ins Leben rief. Seine Ausführungen untermalte Issa Hanna, indem er den Teilnehmern der Tagung auch Beispiele syrischer Musik präsentierte und so die Veranstaltung zu einem lebendigen Ereignis werden ließ.

Abschließend hatten die Tagungsteilnehmer noch Gelegenheit, Fragen zu den vielschichtigen Ausführungen zu stellen und über das Gehörte zu diskutieren.

Gerade zum besseren Verständnis der Situation der assyrischen Christen in den Heimatländern sind derartige Veranstaltungen immens wichtig für die westliche Bevölkerung. Sie zeigen nicht nur, welches kulturelle Erbe der Menschheit durch die Verfolgung der Christen des Nahen Ostens verlorengeht, sondern erinnern auch daran, dass die Verbreitung des christlichen Glaubens erst durch die Assyrer aus dem Orient geschah.

Von Marianne Brückl

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