Eine Veranstaltung aus dem Programm

Shlomo Suryoyo! – 50 Jahre assyrische Migration nach Augsburg

Seit dem Anwerbeabkommen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei sind nun 50 Jahren vergangen. Doch dies war sicherlich nicht rein-türkisch, stellte Christiane Lembert gleich zu Beginn fest. Zu den 20.000 türkischstämmigen Gastarbeitern, gehören auch zahlreiche andere Volksgruppen, wie die der Assyrer (Suryoye). Heute leben alleine in Augsburg über 800 assyrische Familien. Im Laufe der Zeit konnten sich die Assyrer in Augsburg integrieren und gründeten mehrere Vereine. Besonders hervorzuheben ist die Gründung des Mesopotamien Verein Augsburg e. V. und der Bau der eigenen syrisch-orthodoxen Marienkirche in Augsburg-Lechhausen.

Moderatorin des Abends war Frau Christiane Lembert, die die ersten assyrischen Einwanderer befragte. Zu diesen zählen sich unter anderem der syrisch-orthodoxe Pfarrer Bitris Ögünc und dessen Ehefrau, Ado und Atto Seven, Gebro Aydin, Sarah Aktas und Yakoub Demir. Auch die Anwesenheit von Hansi Ruile (Geschäftsführer des Kulturhauses Kresslesmühle) prägte den Abend, der den Mesopotamien Verein Augsburg nun mehr seit über 35 Jahren kennt und als guter Freund wie auch langzeitiger Weggefährte gilt.

Gleis 11 – Hier begann die Ankunft vieler Gastarbeiter, die nach dem zweiten Weltkrieg in die Bundesrepublik Deutschland einreisten. Dies galt auch für die bekannten „Glorreichen 7“. Mit diesen sind die ersten sieben Assyrer aus dem Turabdin (Südost-Türkei) gemeint, die sich auf die lange Reise nach Augsburg gemacht haben. Jede einzelne Person von ihnen hat ihre eigene Geschichte, dennoch haben sie vieles gemeinsam. Vor zahlreichen Besuchern teilten sie am 9. November 2011 im Mesopotamien Verein Augsburg e.V. ihre Erlebnisse und Gefühle.

Sarah Aktas, eine der ersten mutigen Assyrerinnen, welche als Gastarbeiterin nach Augsburg einwanderte, musste als die Älteste ihrer Geschwister eine Menge Last auf sich nehmen. Im Alter von 18 Jahren, kam sie als junges Mädchen nach Deutschland, in der Hoffnung, Zukunft für sich und ihre Familie zu schaffen. Wie auch manch andere weibliche Hilfsarbeitskraft, war sie in einer Metzgerei tätig. Ohne auch nur ein Wort Deutsch sprechen zu können, sorgte sie sich um ihre Familie, die noch im weit entfernten Turabdin lebte. Durch Fleiß und schneller Auffassungsgabe integrierte sich Sarah so schnell, dass sie bereits nach wenigen Monaten der deutschen Sprache mächtig war, wodurch sie für ihre türkischen Kolleginnen als Dolmetscherin oft fungieren konnte.
Ihr nächster großer Wunsch ist es heute, künftig ihren assyrischen Nachnamen (Beth Amno) tragen zu können. Mit „Aktas“ trägt sie nämlich einen türkischen Nachnamen, der ihr und ihrer Familie von den damaligen türkischen Behörden aufgezwungen wurde.

Auch Ado Seven hatte es anfangs schwer. Als verheirateter Mann mit zwei Kindern, verließ er seine Heimatstadt Midyat, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen, wie auch ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zu bilden, eine Zukunft zu schaffen und in Freiheit zu leben. Dies war in der Türkei zu dieser Zeit nicht möglich, da man als Angehöriger der christlichen assyrischen Minderheit unterdrückt wurde.
Als Arbeiter in Deutschland lebte er die ersten drei Jahre mit drei weiteren Personen in einem 20m² kleinen Bauwagen. In einer lustigen Weise schilderte er den Gästen, dass er nur Briefkontakt mit seiner Familie unterhielt. Kinder und Ehefrau vermisste der damals junge Seven sehr. Umso glücklicher war er, als seine Familie nach Deutschland nachreisen konnte. Durch sein Engagement, Willenskraft und Fleiß haben seine Kinder wie auch seine Enkel eine Zukunft in Deutschland gefunden.

„Der erste syrisch-orthodoxe Pfarrer in ganz Europa“. So darf sich der Pfarrer Bitris Ögunc bezeichnen. Damals war es sehr schwierig, sich als Christ in der Türkei ein Leben aufzubauen. Aus diesem Grund kam Herr Ögunc bereits sehr früh mit seiner Frau nach Deutschland. Innerhalb der Bundesrepublik reiste er sehr viel und war vielen anderen assyrischen Gastarbeitern behilflich, sei es beim Übersetzen oder bei Konfrontationen. In seiner Freizeit schrieb er 138 assyrische Bücher ab. Demnächst will er seine kleinen Werke präsentieren.
Doch trotz seinem neu gefundenem Zuhause, vermisste er seine alte Heimat, den Turabdin. Mit dem Versuch dieses Heimweh mit Urlaubsreisen in die Heimat zu verdrängen, scheiterte er. Denn von 1972 bis 1997 gewährte ihm die Türkei keine Einreisegenehmigung. Der Grund war, dass er in der Öffentlichkeit kritisch über die Türkei gesprochen hatte. Zu jener Zeit veröffentlichte man Artikel in türkischen Zeitungen, welche den heutigen syrisch-orthodoxen Pfarrer als Landesverräter bezeichneten. Dies verletze Ihn bis heute noch. Erst 2003 traute er sich wieder, in die Türkei einzureisen.

Die Seele des Assyrischen Mesopotamien Vereins Augsburg, Gebro Aydin, kam 1972 als „Heiratsmigrant“ nach Augsburg. Zuvor sparte er schwer in der Millionenmetropole Istanbul, um seinen Traum von einem neuen Leben verwirklichen zu können. In Deutschland angekommen, war er als Gärtner tätig. Fast jeden Sonntag ging Herr Aydin ins Freilichtkino, und genoss seine Zeit in Augsburg. Selbstverständlich heiratete er auch hier. Ganze 5 Kinder zogen die Eheleute Aydin auf und versuchten, ihren Kindern das zu ermöglichen, was ihnen selber lange Zeit verwehrt blieb.

Ein treuer Freund des Vereins

Zu jener Zeit lernte Gebro Aydin auch Hansi Ruile kennen. Am Beispiel der Assyrer und mithilfe seines Freundes Gebro, konnte er schnell nachvollziehen, dass die Türkei ein Vielvölkerstaat ist. Hinzu erkannte Ruile, dass die interkulturelle Pädagogik geändert werden müsse. Heute als Geschäftsführer des Kulturhauses Kresslesmühle, beschreibt Hansi Ruile die Arbeit der Kresslesmühle unter anderem insofern,  Sozialarbeit und Kultur miteinander zu verbinden.  Dies macht man auch in den letzten Jahren intensiv, indem man sich auf Migration und interkulturelle Möglichkeiten ausgerichtet hat.

Ein rückblickendes und sehr deutliches Fazit

Sie gingen alle unterschiedliche Wege, doch erreichten sie dasselbe Ziel. Jeder einzelne von den „Glorreichen 7“ hatte mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen, die sie  gemeistert haben. Nun kann man mit voller Stolz sagen – Durch harte Arbeit konnten wir uns eine Zukunft aufbauen und sind heute ein Teil der Augsburger Gesellschaft.

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