Die alten Assyrer

Zerstörer, Bauherr, Reformer

Vor genau 100 Jahren begannen deutsche Archäologen mit der Ausgrabung einer der bedeutendsten Städte des alten Orients: Assur. Malerisch am Ufer des Tigris im Norden des heutigen Iraks gelegen, wurde die von Kanälen durchzogene Stadt zum politischen und religiösen Zentrum des Assyrischen Reiches.

Einer der größten Herrscher war Sanherib, der von 705 bis 681 v. Chr. regierte. Noch im Rückblick ist sein Bild zwiespältig: Gilt er den einen als großer Neuerer, so verurteilen ihn andere als brutalen Gewaltherrscher, der seine Soldaten etwa bei der Eroberung Babylons 689 v.Chr. hemmungslos morden und plündern ließ. Doch der Blick allein auf die furchteinflößende militärische Macht wird Assur nicht gerecht: Dank seiner verkehrsgünstigen Lage wurde diese antike Metropole und mit ihr das Assyrische Reich auch zu einem Zentrum des Handels im gesamten Vorderen Orient.

Zerstörer, Bauherr, Reformer

Sanherib war sicherlich einer der tatkräftigsten Herrscher der assyrischen Geschichte. Die einen Quellen stellen ihn als großen Neuerer dar – die anderen als Brutalen Gewaltherrscher. Wer also war dieser König, der so viel Bewunderung, aber auch so viel Abscheu auf sich zog?

Am 20. Te­be­tu (dem zehn­ten Mo­nat) des Jah­res 681 v. Chr. wur­de der as­sy­ri­sche Kö­nig San­he­rib, der mäch­tigs­te Mann sei­ner Zeit, von sei­nem Sohn Ur­du-​Mul­lis­si und ei­ni­gen an­de­ren Auf­stän­di­schen in ei­nem Tem­pel der as­sy­ri­schen Haupt­stadt Ni­ni­ve mit dem Schwert er­schla­gen. Kaum ein Er­eig­nis der as­sy­ri­schen Ge­schich­te scheint die Zeit­ge­nos­sen ähn­lich be­wegt zu ha­ben wie das ge­walt­sa­me En­de die­ses schil­lern­den Ge­walt­herr­schers. In der schrift­li­chen Über­lie­fe­rung fand es ein viel­ tö­nen­des Echo. San­he­ribs Sohn und Nach­fol­ger Asar­had­don, der nach kur­zem Kampf die Kö­nigs­mör­der be­sie­gen und in das nörd­lich von As­sy­ri­en ge­le­ge­ne Ur­ar­tu ver­trei­ben konn­te, be­schreibt den Mord als ei­nen Akt der Gott­ver­las­sen­heit und des Wahn­sinns. As­sur­ba­ni­pal, San­he­ribs En­kel, der sei­nem Groß­va­ter in vie­ler­lei Hin­sicht nach­ei­fer­te, be­rich­tet, er ha­be die­sem am Ort sei­ner Er­mor­dung hin­ge­schlach­te­te Ba­by­lo­ni­er (die er zu­vor be­siegt hat­te) als To­ten­op­fer dar­ge­bracht, um so sein An­den­ken zu eh­ren. Der ba­by­lo­ni­sche Kö­nig Nabo­nid da­ge­gen lässt ver­lau­ten, San­he­ribs ge­walt­sa­mer Tod sei die wohl­ver­dien­te Stra­fe für die von ihm ver­an­lass­te Zer­stö­rung des hei­li­gen Ba­by­lons ge­we­sen. Und die Bi­bel, in der San­he­ribs Wir­ken aus­führ­lich ge­schil­dert wird, be­trach­tet die Er­mor­dung des Herr­schers als Fol­ge sei­ner frev­le­ri­schen Hy­bris, die ihn zu sei­nem Feld­zug ge­gen Ju­da ver­lei­tet ha­be.

Trotz ei­ner Fül­le ein­schlä­gi­gen Quel­len­ma­te­ri­als ist es ist nicht ganz leicht, ein au­then­ti­sches Por­trät San­he­ribs zu zeich­nen. Die in sei­nem ei­ge­nen Na­men ver­fass­ten In­schrif­ten sind ten­den­zi­ös und – von Aus­nah­men ab­ge­se­hen – in du­bio pro re­ge sti­li­siert; au­ßer­dem sind sie stark von der Tra­di­ti­on äl­te­rer as­sy­ri­scher Kö­nigs­in­schrif­ten ge­prägt. Die bib­li­schen Tex­te, die von San­he­rib han­deln, sind da­ge­gen ste­reo­typ in ih­rer ne­ga­ti­ven Hal­tung ge­gen­über dem Kö­nig. Die Aus­sa­ge­kraft his­to­risch-​chro­no­lo­gi­scher Tex­te wie et­wa der „Ba­by­lo­ni­schen Chro­nik“ schließ­lich ist be­grenzt, weil sie bloß ein Ske­lett der Er­eig­nis­ge­schich­te der Zeit bie­ten. Nimmt man aber, un­ter Ein­schluss von Brie­fen und Ur­kun­den, al­le die­se Quel­len zu­sam­men, so sind sie durch­aus ge­eig­net, uns ein de­tail­lier­tes Bild von San­he­rib und sei­ner Zeit zu ver­mit­teln.

San­he­ribs Herr­schaft be­gann mit ei­nem kö­nig­li­chen To­des­fall, der kaum we­ni­ger spek­ta­ku­lär war als sein ei­ge­nes ge­walt­sa­mes En­de. Im Som­mer des Jah­res 705 un­ter­nahm San­he­ribs Va­ter, Kö­nig Sar­gon II., ei­nen Feld­zug ge­gen das ana­to­li­sche Ta­bal. Of­fen­bar ge­rie­ten die as­sy­ri­schen Trup­pen in dem un­weg­sa­men Ge­biet, das von ei­nem ein­hei­mi­schen Fürs­ten na­mens Gur­di re­giert wur­de, in ei­nen Hin­ter­halt. Sar­gon fiel, sein Leich­nam muss­te von den As­sy­rern im Fein­des­land zu­rück­ge­las­sen wer­den.

In neuas­sy­ri­scher Zeit war es Brauch, die ver­stor­be­nen Kö­ni­ge mit gro­ßem Pomp in den Grüf­ten des so­ge­nann­ten Al­ten Pa­las­tes in der Stadt As­sur zu be­gra­ben. Dass ein Herr­scher im Krieg ge­tö­tet wur­de und un­be­stat­tet auf dem Schlacht­feld zu­rück­blieb, war ein Er­eig­nis von ge­ra­de­zu trau­ma­ti­scher Bri­sanz, für das es kei­nen Prä­ze­denz­fall gab. Die Bi­bel froh­lockt über das in ih­ren Au­gen wohl­ver­dien­te En­de des da­hin­ge­schie­de­nen Des­po­ten: „Al­le Kö­ni­ge der Völ­ker ru­hen doch in Eh­ren, ein je­der in sei­ner Kam­mer; du aber bist fern von dei­nem Grab hin­ge­wor­fen wie ein ver­ach­te­ter Zweig“, heißt es, ur­sprüng­lich wohl auf Sar­gon ge­münzt, in Je­sa­ja 14:18f. Den As­sy­rern da­ge­gen er­schien der Tod ih­res Kö­nigs, wie noch aus ei­nem Text der Asar­had­don-​Zeit er­sicht­lich, als höchst be­denk­li­ches Zei­chen gött­li­chen Un­wil­lens. Auch ängs­tig­te man sich, der To­ten­geist des ge­fal­le­nen Herr­schers kön­ne wie­der­keh­ren und in heil­lo­ser Wei­se Cha­os ver­brei­ten. Ver­mut­lich aus die­ser Furcht her­aus schrieb ein in der Stadt Kal­chu an­säs­si­ger as­sy­ri­scher Ge­lehr­ter und en­ger Be­ra­ter der Kö­nigs­fa­mi­lie am 27. Du’uzu (dem vier­ten Mo­nat) 705 – of­fen­bar un­mit­tel­bar, nach­dem er von Sar­gons trau­ri­gem En­de ge­hört hat­te – die zwölf­te Ta­fel des be­rühm­ten Gil­ga­mesch-​Epos ab, in der Gil­ga­mesch und Enk­idu sich über das Schick­sal der To­ten­geis­ter un­be­stat­te­ter Kriegs­op­fer un­ter­hal­ten.

San­he­rib, der als Sar­gons Nach­fol­ger am 12. Abu (dem fünf­ten Mo­nat) 705 den as­sy­ri­schen Thron be­stieg, sah sich al­so vor ei­ne Si­tua­ti­on ge­stellt, die im In­nern von Un­si­cher­heit und Angst ge­kenn­zeich­net war. Auch au­ßen­po­li­tisch war die La­ge be­denk­lich. Nicht nur im Nor­den, son­dern auch in Ba­by­lo­ni­en so­wie in Phö­ni­zi­en und Pa­läs­ti­na hat­ten lo­ka­le Fürs­ten Sar­gons En­de zum An­laß ge­nom­men, das as­sy­ri­sche Joch ab­zu­schüt­teln und die Un­ab­hän­gig­keit ih­rer Staats­ge­bie­te wie­der­her­zu­stel­len.

San­he­rib rea­gier­te auf die viel­fäl­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen mit gro­ßer Ent­schlos­sen­heit. Er ver­ließ die von Sar­gon er­rich­te­te und erst ein Jahr zu­vor ein­ge­weih­te kö­nig­li­che Re­si­denz in Dur-​Schar­ru­kin – wohl nicht zu­letzt, weil er sich von der „Au­ra“ sei­nes tra­gisch ums Le­ben ge­kom­me­nen Va­ters be­frei­en woll­te – und wähl­te die seit je­her be­deu­ten­de Stadt Ni­ni­ve, in der er be­reits als Kron­prinz ge­wohnt hat­te, als neu­en Herr­schafts­sitz. Um den Un­ter­welts-​, Kriegs-​ und To­ten­gott Ner­gal zu ver­söh­nen, der in den Au­gen der as­sy­ri­schen Theo­lo­gen für Sar­gons fins­te­res Schick­sal ver­ant­wort­lich war, re­kon­stru­ier­te San­he­rib den Ner­gal ge­weih­ten Tem­pel in Tar­bi­su (na­he Ni­ni­ve). Und um sei­nen Va­ter zu rä­chen, ent­sand­te er 704, al­ler­dings wohl oh­ne grö­ße­ren Er­folg, ein as­sy­ri­sches Heer ge­gen Sar­gons Be­zwin­ger Gur­di.

Gleich­zei­tig schick­te sich San­he­rib an, die ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Ge­bie­te im Sü­den und Wes­ten zu­rück­zu­er­obern. Zwi­schen 704 und 702 un­ter­nahm er aus­ge­dehn­te Feld­zü­ge in Ba­by­lo­ni­en, wo der Chaldä­er Mar­duk-​ap­lu-​id­di­na II., der den As­sy­rern schon un­ter Sar­gon Wi­der­stand ge­leis­tet hat­te, herrsch­te. Nach der Flucht des al­ten Ri­va­len setz­te San­he­rib ei­nen ge­bür­ti­gen Ba­by­lo­ni­er na­mens Bel-​ib­ni als Ma­rio­net­ten­herr­scher über das Land ein, doch wur­de die­ser sei­nes Am­tes bald wie­der ent­ho­ben und im Jah­re 700 durch San­he­ribs äl­tes­ten Sohn As­sur-​na­din-​schu­mi er­setzt.

Ein wei­te­rer, 701 durch­ge­führ­ter Feld­zug, der so­wohl aus as­sy­ri­schen als auch aus bib­li­schen Quel­len be­kannt ist, dien­te da­zu, die as­sy­ri­sche Ober­ho­heit über Phö­ni­zi­en und Pa­läs­ti­na wie­der­her­zu­stel­len. San­he­rib be­sieg­te bei Elt­he­ke ei­nen Hee­res­ver­band aus Ägyp­ten, er­ober­te und zer­stör­te die ju­däi­sche Stadt La­chisch und be­la­ger­te Je­ru­sa­lem. Nur in­dem er ge­wal­ti­ge Men­gen an Tri­but nach Ni­ni­ve schick­te, ver­moch­te der dort „wie ein Vo­gel im Kä­fig“ fest­sit­zen­de Kö­nig His­kia die As­sy­rer zum Ab­zug zu ver­an­las­sen und die Er­obe­rung sei­ner Haupt­stadt zu ver­hin­dern.

So­wohl in Ba­by­lo­ni­en als auch im Wes­ten ver­schlepp­te San­he­rib Zehn­tau­sen­de, wenn man sei­nen ei­ge­nen Zah­len­an­ga­ben Glau­ben schen­ken darf so­gar Hun­dert­tau­sen­de von Men­schen und sie­del­te sie in an­de­ren Be­zir­ken des as­sy­ri­schen Herr­schafts­be­reichs an. Die­se Mas­sen­de­por­ta­tio­nen ha­ben die eth­no­lin­gu­is­ti­sche Land­schaft des Al­ten Ori­ents mas­siv ver­än­dert und der wei­te­ren Ara­mai­sie­rung des Reichs­ge­biets Vor­schub ge­leis­tet.

Man mag sich fragen, wie Sanherib es geschafft hat, Assyriens zwischenzeitlich stark gefährdete politische Vormachtstellung innerhalb von nur fünf Jahren so nachhaltig zu konsolidieren. Natürlich konnte der König sich auf die auch weiterhin wohlgerüstete und schlagfertige assyrische Armee und eine effektive Verwaltung stützen. Daneben durfte aber auch seine politische und militärische Erfahrung eine Rolle gespielt haben. Sanherib war bei seiner Thronbesteigung kein junger Mann mehr. Geboren um 745 v.Chr., war er als ältester überlebender Sohn Sargons vermutlich in Kalchu aufgewachsen, der langjährigen Residenz der assyrischen Könige; bald nach Sargon Thronbesteigung 722 wurde er offiziell zum Kronprinzen ernannt und hatte in dieser Rolle reichlich Gelegenheit, die Staatsgeschäfte kennenzulernen. Er korrespondierte, wie wir den aus dieser Zeit erhaltenen Staatsbrief entnehmen können, mit Gouverneuren und Generälen , empfing Tribut, kümmerte sich um Überschwemmungen im assyrischen Kernland, verhandelte über die Entlohnung der Palastgarde und war mit Palast- und Gartenbauprojekten in Dur-Scharrukin befasst.

Seine während der Kronprinzenzeit erworbene Kompetenz auf den Gebieten des Städtebaus, der Landwirtschaft und des Gartenbaus kam Sanherib beim Ausbau von Ninive zugute, dem er sich in den Jahren zwischen 705 und 690 widmete. Auf Kuyunjik, dem größeren der beiden Zitadellenhügel der Stadt, errichtete der König einen gewaltigen Palast, dessen Wände er im Lauf der Jahre mit kilometerlangen Abfolgen reliefierter Orthostaten ausschmücken ließ. Tonnenschwere Stier- und Löwenkolosse aus Stein und Metall flankierten die Durchgänge des Gebäudes. Der Palast war von einem Garten umgeben, in dem Sanherib exotische Pflanzen kultivierte, darunter die in Mesopotamien bis dahin unbekannte, möglicherweise aus Indien importierte Baumwolle, und für den er selbst, glaubt man seinen Inschriften, spezielle Wasserhebewerke erfand; einer neuen, freilich nicht unumstrittenen Theorie zufolge könnten sie nach dem Prinzip der „Archimedischen Schraube“ funktioniert haben. Auch in der Umgebung Ninives legte der König Gärten, Parks und Felder an. Um sie ausreichend zu bewässern, ließ er im Norden Assyriens eine Reihe von Kanälen graben, die er in den bei Ninive in den Tigris mündenden Fluss Hosr leitete. Einer dieser Kanäle musste in der Nähe der modernen Ortschaft Jerwan ein großes Tal überqueren: Die Überreste des dafür aus mehr als zwei Millionen behauenen Quadern von je 250 Kg Gewicht errichteten Aquädukts beherrschen noch heute die Landschaft. In seinen Inschriften erwähnt Sanherib, dass er auch in Ninive einen Aquädukt gebaut habe. Ein Relief aus dem Nordpalast von Kuyunjik zeigt, wie dieser oder ein ähnlicher Aquädukt Wasser zu einer üppigen Parklandschaft leitet.

Sanherib vernachlässigte auch die Festungswerke Ninives nicht. Nachdem er die Stadt auf mehr als das Doppelte vergrößert hatte, umgab er sie mit einer 11Km langen und mindestens 25 Meter hohen Doppelmauer, in die 18 monumentale Torbauten integriert waren. Zudem errichtete er auf dem zweiten Zitadellenhügel ein großes Arsenal und wies Gelände für das Training von Kavalleriepferden aus.

Sanherib war von diesem Brauprogramm so in Anspruch genommen, dass er an den Feldzügen der Jahre 696 und 695, die gegen Kilikien und den unbeugsamen Gurdi gerichtet waren und zu Zusammenstößen auch mit Griechen führten, selbst nicht teilnahm. Erst 694 zog er erneut in den Krieg. In dem Bestreben, nach Elam geflüchtete Chaldäer zu bezwingen, ließ er, teilweise auf dem Landweg von Ninive und Til-Barsip aus Schiffe zur Euphrat-Mündung transportieren, um sie von dort über den Persischen Golf an die Küste des Landes zu schicken. Sanherib selbst, der eine ausgeprägte Scheu vor dem Meer hatte, blieb auf dem Festland zurück. Die Expedition verlief zunächst durchaus erfolgreich. Mehrere Städte, die den Chaldäern Obdach gewährt hatten, wurden erobert und zahlreiche Gefangene gemacht. Doch dann entschloss sich der elamische König Halluschu-Inschuschinak zu einer überraschenden Gegenattacke. Im Rücken der assyrischen Truppen stieß er weit in babylonisches Kernland vor und verschleppte Assur-nadin-schumi, den König von Babylon und Sohn Sanheribs, den ihn die Bevölkerung der Stadt ausgeliefert hatte; vermutlich wurde er in Elam getötet.

Von nun an bekämpfte Sanherib Elam und Babylonien mit unbändigem Hass. Er zog, nur vom hereinbrechenden Winter daran gehindert, einen endgültigen Sieg zu erringen, 693 mit seinen Truppen gegen Elam und lieferte sich 691 bei Halule (nahe dem heutigen Samarra) eine blutige Feldschlacht mit einer Koalition aus Babyloniern, Elamern, Aramäern, Chaldäern und Persern. Der von Sanheribs „Ghostwritern“ nach der Schlacht in einer überaus metaphernreichen und kunstvollen Sprache abgefasste Bericht wies in einigen Passagen parallel zur „Ilias“ auf, was Anlass zu Überlegungen gegeben hat, dass entweder die assyrische Kriegsprosa den um 700 lebenden Homer oder umgekehrt die griechische Epik die assyrische Annalistik der Sanherib-Zeit beeinflusst haben könnte.

In Halule hatten die Assyrer nicht eindeutig gesiegt. Sanherib verfolgte den Plan, Babylonien zu bezwingen, aber hartnäckig weiter. 690 sicherte er durch einen Angriff auf die Truppen der arabischen Königin Te´elchunun seine Südwest-Flanke, dann belagerte er Babylon. Am 1. Ksilimu (dem neunten Monat) 689 fiel die Stadt. Ein furchtbares Strafgericht brach über sie herein. Sanheribs Soldaten plünderten, töteten und brandschatzten, sie zerschlugen die in den Tempeln aufgestellten Götterstatuen und leiteten, als Höhepunkt des Zerstörungswerks, den Euphrat über die Trümmer der Stadt.

Babylon, die heilige Metropole des Gottes Marduk, war wohl das wichtigste Kultzentrum Mesopotamiens gewesen. Seine Vernichtung hinterließ ein Vakuum, das gefüllt werden musste. Sanherib versuchte, Babylons religiöses Prestige und seine kultischen Funktionen auf Assur, die religiöse Hauptstadt Assyriens, zu übertragen. Umfangreiche Um- und Neubauten, die der Kulttopographie der Marduk-Stadt nachempfunden waren, sollten Assur in eine Art letztinstanzliche religiöse Hauptstadt nach dem Vorbild Babylons umwandeln. Sanherib ließ sogar das „Enuma elisch“, das berühmte Schöpfungsepos, das anlässlich des babylonischen Neujahrsfests rezitiert wurde und Marduk als Götterkönig feierte, auf den Gott Assur umschreiben. Erfolgreich war er mit diesen Maßnahmen am Ende nicht. Sein Nachfolger machte Sanheribs religiöse Reform rückgängig, ließ Babylon neu erbauen und verfolgte eine Religions-Politik, die der Idee einer Balance of Power zwischen Assur und Marduk verpflichtet war.

Sanheribs letzte Jahre scheinen außenpolitische relativ friedlich gewesen zu sein. Emissäre aus Saba und anderen fernen Ländern kamen nach Ninive und brachten Geschenke. In Babylonien herrschte Friedhofsruhe. Doch unter den Prinzen am assyrischen Hof gärte es. 683 hatte sich Sanherib entschlossen, anstelle des bisherigen Kronprinzen Urdu-Mullissi einen jüngeren Sohn, Asarhaddon, zum Nachfolger zu bestimmen. Vielleicht geschah dies im Zuge von Haremsintrigen; Asarhaddon war der Spross einer einflussreichen Königsgemahlin namens Naqia, während die älteren Sanherib-Söhne von einer anderen Frau geboren worden waren. Urdu-Mullissi intrigierte gegen die neue Nachfolgeregelung. Als er feststellen musste, dass er Sanherib nicht veranlassen konnte, sie zu revidieren, sah er, von Machtgier getrieben, nur noch eine Möglichkeit, selbst König zu werden: Er musste seinen Vater ermorden. So starb Sanherib von der Hand seines eigenen Sohnes.

Sanherib war einer der energischsten Herrscher der assyrischen Geschichte. Er war ein großer Erneuerer, der die Armee umstrukturierte, innovative Technologien auf dem Gebiet des Wasserbaus und des Metallgusses förderte und sich um eine weitreichende religiöse Reform bemühte. In mancherlei Hinsicht schien er eine relativ realistische Weltsicht besessen zu haben. Dies legt die Tatsache, dass er in einigen seiner Inschriften auch Rückschläge einräumt, ebenso nahe wie bestimmte „naturalistische“ Neuerungen der Kunst seiner Zeit. So führte Sanherib für seine Bildreliefs eine Art Vogelperspektive ein, die an der Stelle unter Sargon II. Bevorzugten „Froschperspektive“ trat; und er befahl, Stierkolosse mit vier statt wie bis dahin üblich mit fünf Beinen (so dass man von vorn zwei, von der Seite vier Beine sah) herzustellen.
Andrerseits war Sanherib äußerst unduldsam, wenn seine Projekte auf Wiederstand stießen. Dann reagierte er, wie das Beispiel Babylons zeigt, mit Brutaler Härte. Langfristig hatte dies für Assyrien fatale Folgen. Die Vernichtung des assyrischen Staates durch medische und babylonische Truppen im Jahr 612 war vermutlich auch deswegen so total, weil die Babylonier gute Gründe hatten, sich für das, was sie unter Sanherib und einigen anderen assyrischen Königen erlitten hatten, grausam zu rächen.

Verfasst von Dr. Eckert Frahm, Professor für Assyriologie an der Universität Yale (USA)
Der Artikel erschien in der Ausgabe Oktober 2003 35. Jahrgang 10/2003 der historischen Fachzeitschrift DAMALS

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Ein Gedanke zu „Zerstörer, Bauherr, Reformer

  1. Hey,

    ich fand euren Artikel wirklich großartig! Ich studiere Vorderasiatische Archäologie in Mainz und wollte finde eure Seite wirklich klasse!

    Ich wollte euch fragen, ob ich das Bild oben auf der Seite für meine Facebook Chronik benutzen darf? Es ist wirklich Großartig! Das wäre wirklich nett! 🙂

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