Interview mit Hansi Ruile

Was haben Orient & Okzident, Heimat Babylon und Integration gemeinsam?

Hansi Ruile ist kein unbekanntes Gesicht in Augsburg. Wie so oft berichtet, ist der Geschäftsführer des Kulturhauses Kresslesmühle ein langjähriger und treuer Freund des Assyrischen Mesopotamien Verein Augsburg. Bereits im Jahr 2007 hatte bethnahrin.de die Möglichkeit, ein kurzes Gespräch mit ihm zu führen. Heute, knapp fünf Jahre nach dem ersten Interview, freuen wir uns, dass sich Herr Ruile erneut Zeit für uns genommen hatte. In einem Kurzinterview stellt er die aktuelle Vortragsreihe der Interkulturellen Akademie Augsburg wie auch das Projekt "Festival der 1000 Töne" vor und erklärt hierbei, wie ernst der Titel "Heimat Babylon" zu nehmen ist.

Derzeit läuft die siebte Vortragsreihe der Interkulturellen Akademie, welche sich mit der Thematik „Orient & Okzident“ beschäftigt. Was wird diesmal genau behandelt?

Bei dieser Vortragsreihe beschäftigen wir uns gleichzeitig mit mehreren Themen, die allerdings zusammenhängen. Hervorzuheben sind natürlich die derzeitigen Ereignisse im Nahen Osten und Maghreb, zu denen wir renommierte Spezialisten aus ganz Deutschland für einen Vortrag in Augsburg gewinnen konnten. Namentlich kann hier beispielsweise Dr. Michael Lüders aufgeführt werden, der unter anderem auch ein Berater des Auswärtigen Amtes ist.

Ebenfalls wird die Integration des Islams in Deutschland behandelt. Wir wollen auf einer  wissenschaftlichen Ebene aufzeigen, welche Herausforderungen als auch Vorurteile hier bestehen und wie die jetzigen Verhältnisse sowie Entwicklungen sind. Dazu referiert beispielsweise Herr Prof. Dr. Rauf Ceylan, der wesentlich für die Entwicklung islamischer Lehrstühle an deutschen Universitäten zuständig ist.
Dazu sind natürlich auch die Dialogpartner der einzelnen Glaubensrichtungen eingeladen, da im Zusammenhang mit diesen Studien eine Zusammenarbeit mit der betreffenden Religionsgemeinschaft bestehen muss.

Der dritte Punkt hängt ebenfalls mit den aktuellen Ereignissen im Nahen Osten zusammen und ist für den Mesopotamien Verein doch äußerst wichtig. Hier wird nämlich die Lage der Christen im Nahen Osten analysiert. Dazu kann der Vortrag am 24. April 2012 mit folgenden Titel genannt werden „Der Umbruch in der arabischen Welt im Spiegel der christlichen Minderheiten“. Dieser Informationsabend wird mit Herrn Professor Dr. Dr. h.c. Martin Tamcke stattfinden, der an der Georg-August-Universität in Göttingen lehrt und auf die christlichen Kulturen im Nahen Osten spezialisiert ist.

Vor wenigen Monaten wurde eine Broschüre zum „Festival der 1000 Töne“ veröffentlicht. Können Sie uns auch dieses Festival vorstellen?

Dieses Projekt ist eine Veranstalterplattform, die vom Theater Augsburg bis zum Mesopotamien Verein hinreicht und in der unterschiedliche Akteure aufzeigen, dass unsere Stadt Augsburg interkulturell ist. Außerdem wird erklärt, inwieweit Kunst und Kultur bei diesem interkulturellen Leben zu einem besseren miteinander herbeiführen.
Dieses Festival beinhaltet über 50 Veranstaltungen und trägt den Titel „Heimat Babylon“. Mit diesem Titel bringen wir unsere Position zum Ausdruck, dass Augsburg als eine vielvielfältige Stadt über die Kulturen, Frieden wie auch ein Heimatgefühl vermitteln kann.
Dass Kultur produktiv und ästhetisch wertvolle Projekte herstellen kann, hat man am 03.11.2011 im Mesopotamien Verein sehen können.

Im Rahmen des „Festival der 1000 Töne“ hatte im Mesopotamien Verein Augsburg eine Veranstaltung mit dem Titel „Shlomo Suryoyo – 50 Jahre assyrische Migration in Augsburg“ stattgefunden. Wie haben sich die Assyrer Ihrer Meinung nach in Augsburg integriert?

Seit nun mehr als 35 Jahre arbeite ich mit dem Mesopotamien Verein zusammen. Ich finde diese Institution erstaunlich, denn Ihre Arbeit ist nicht eigennützig sondern für die allgemeine Augsburger-Zivilgesellschaft. Es ist immer sehr spannend, die Arbeit einer solchen Migrantenselbstorganisation zu beobachten. Zunächst konnte ich die verschiedenen Integrationsprozesse nachvollziehen und erkannte, wie sich ein vernünftiger Spannungsbogen zwischen Integration und Bewahrung der eigenen Tradition herstellen ließ.
Um jedoch nochmal auf „Shlomo Suryoyo – 50 Jahre assyrische Migration in Augsburg“ zurückzukommen, will ich erwähnen, dass mich die Schicksale der ersten Assyrer in Augsburg bewegt hatten. Sie kamen meist alleine als Gastarbeiter, um ihren Familienangehörigen ein besseres Leben zu ermöglichen. Zur Erinnerung dieser Schicksale, sollten wir hier alle damaligen Gegenstände wie auch Bilder aufbewahren – und gerade hierbei ist der Mesopotamien Verein ein wichtiger Partner.

Sie sind gegenüber den Deutsch-Assyrern in Augsburg sehr positiv eingestellt. Wir wollen hier auch betonen, dass ein erfolgreiches und schönes Leben in der Bundesrepublik Deutschland nur funktionieren kann, wenn man sich auch integriert. Doch den Deutsch-Assyrern plagen immer wieder Meldungen, in denen die Rechte ihrer Verwandten bzw. Volksangehörigen in den Heimatländern nicht richtig gewährt werden. Ob es sich nun um aktuelle Meldungen zum Prozess über das syrisch-orthodoxen Klosters Mor Gabriel im Turabdin, dem Exodus der Assyrer im Irak ist oder die Völkermordsfrage von 1915. Sollte unsere hiesige deutsche Regierung diesen Ländern immer wieder auf die Gewährung der Menschenrechte ihrer Minderheiten hinweisen?

Das ist eine sehr interessante Frage, da sie sehr umfangreich ist und mehrere Fragestellungen beinhaltet.
Es ist dringend notwendig, dass man sich bessere Kenntnisse über die Herkunftsländer der Migranten aneignet. Diese natürlich ganz unabhängigen davon, ob nun beispielweise von christlichen Assyrern oder sunnitischen bzw. alevitischen Türken die Rede ist. Dies ist einer der Gründe, warum sich die IKA doch sehr intensiv mit diesen Sachverhalten auseinandersetzt.
Zu einer erfolgreichen Integration brauchen wir die Implementierung des Gedächtnisses der Migranten in unserer Gesellschaft, denn nur so kann man besser nachvollziehen, warum diese Menschen in unserem Land leben wollen. Man muss allerdings erwähnen, dass hierbei die Gefahren der Ethnisierung bestehen, denen wir uns aber stellen und entgegenwirken müssen.
Die zu uns gereisten Migranten reisen sozusagen zusammen mit ihrer eigenen Geschichte, die sie hier auch weiterhin pflegen können. Dazu müssen allerdings natürlich geschichtliche Wahrheiten offen ausgesprochen und jegliche Vermischung von parteipolitischen Gedanken der Heimatländern außer Acht gelassen werden.
Im Zusammenhang mit den Deutsch-Assyrer ist es selbstverständlich notwendig, die Geschichte der Assyrer im Turabdin oder Irak zur Kenntnis zu nehmen, aufzuarbeiten und den hier lebenden Menschen (ob nun mit Migrationshintergrund oder ohne) zu vermitteln. Dies sollte aber auch dem restlichen Teil der Gesellschaft ermöglicht werden.
Und nun zum letzten Punkt Ihrer Frage. Natürlich ist es notwendig, dass die deutsche Außenpolitik Menschenrechtsverletzungen anspricht und verhindert. Die europäische Politik muss deutlich zum Ausdruck bringen, dass zum Beispiel jegliche Verfolgungen von  Minderheiten im Nahen Osten – unabhänging davon, um welche es sich handelt – nicht hingenommen wird. Die Verfolgung von Minderheiten ist eine Menschenrechtsverletzung und diese müssen angezeigt werden.
Somit stellt dies natürlich auch eine Herausforderung an die deutsche Politik dar.

Abschließend wollen wir Sie fragen, wie Sie die gesellschaftliche Zukunft unserer Stadt Augsburg sehen?

Statistisch gesehen wird sich der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund nicht verkleinern. Augsburg ist an zweiter oder vierter Stelle der Städterangliste mit dem größten Migrationshintergrund im gesamten Bundesgebiet und wir müssen uns mit diesen Wirklichkeiten auseinandersetzen. Leider haben wir uns erst seit einigen Jahren dieser Aufgabe gestellt, nachdem wir es fast 50 Jahre verpasst hatten.
Ich bin stets der Meinung, dass in den nun letzten 50 Jahren der Migration in Augsburg keine Komplikationen stattgefunden hatte.
Allerdings gilt es weiterhin u. a. den Titel des derzeitigen Festivals „Heimat Babylon“ ernst zu nehmen. Die Politik muss die Verheimatung der Differenz und Vielfalt ermöglichen.
Wir müssen vermitteln, dass die Stadt Augsburg stolz auf Ihre interkulturelle Vielfalt ist und gleichzeitig die hier lebenden Menschen stolz sind, friedlich und miteinander leben zu dürfen.

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