Miteinander der Kulturen

MdL Martin Neumeyer beim Integrationsgottesdienst in Augsburg

Ein Integrationsgottesdienst mit anschließender Podiumsdiskussion in der syrisch-orthodoxen St.-Marien-Gemeinde in der Augsburger Zusamstraße zeigte am Sonntag, den 29.01.12 um 8.45 Uhr, wieder einmal, dass ein Miteinander sämtlicher Kulturen möglich ist. Initiiert wurde die Messe vom Integrationsbeauftragten des syr.-orth. Klosters Warburg Simon Jacob in Zusammenarbeit mit Martin Neumeyer (MdL) und dem Kirchenrat der Gemeinde. Gäste waren u.a. Thomas Prieto Peral, Kirchenrat der ev.-luth. Landeskirche in Bayern, Prälat Dr. B. Maier (kath. Kirche) und Vertreter der orientalischen Kirchen, um gemeinsam für die verfolgten und unterdrückten Menschen zu beten. Marianne Brückl berichtet.

Das Thema Integration hat einen großen Stellenwert in Deutschland erreicht. Durch Zuwanderung von Menschen aller Kulturkreise kommt es verstärkt zu Konflikten innerhalb der verschiedenen Gesellschaften. Verständnis und gegenseitiger Respekt, aber auch die Abkehr von starren Haltungen sind ein Muss für jeden einzelnen Bürger, um ein friedliches Miteinander der unterschiedlichen Lebensstrukturen zu erreichen. Nicht nur die Jugend, sondern gerade auch die älteren Generationen sind gefordert, sich dem westlichen Freiheitsdenken anzupassen und sich nach dem allgemein gültigen Wertekonsens des deutschen Rechtsstaates in die Gesellschaft zu integrieren, aber auch konfessionelle und politische Barrieren untereinander zu überwinden.

Gemeinsam für Integration und Frieden

Was bereits beim 25. Internationalen Friedenstreffen in München am 12. September 2011 vom Integrationsbeauftragten des Klosters Mor Jakob v. Sarug in Warburg (syr.-orth.), Simon Jacob, mit der Veranstaltung „Die altorientalischen Kirchen auf dem Friedensweg“ begonnen wurde, konnte jetzt in Kooperation mit Martin Neumeyer (MdL, CSU, Integrationsbeauftragter der Bayer. Landesregierung) und dem Kirchenrat der syrisch-orthodoxen Gemeinde St. Marien in Augsburg weitergeführt werden. Im Rahmen eines Integrationsgottesdienstes erlebte jetzt die neu renovierte St. Marien-Kirche am Sonntag, den 29. Januar 2012, mit rund 200 Besuchern erstmals ein Zusammentreffen sämtlicher Konfessionen und Nationalitäten. Neben Vertretern der syrisch-orth. Kirche waren auch Angehörige der armenischen, der chaldäischen, der koptisch-orth., der griechisch-orth. sowie der Assyrischen Kirche des Ostens zusammen mit denen der evangelischen und katholischen zu Gast, um gemeinsam für die verfolgten Christen weltweit zu beten und Fürbitten zu sprechen. Prälat Dr. Bertram Meier (kath. Kirche) trug zudem aus dem Evangelium vor, Kirchenrat Thomas Prieto Peral (ev.-luth. Landeskirche Bayern) las aus den Paulus-Briefen. Die Liturgie erfolgte in Aramäisch, der Sprache Jesu.

Assyrische Kirche des Ostens - Nina Sargon

Arabische Christen: Pater Josef Moser

Griech. orth. Kirche - Ioannis Moisidis

Armenische Kirche - Prof. Dr. Hacik Rafi Gazer

 

Integration schafft Akademiker

In der anschließenden Podiumsdiskussion gab der Moderator Simon Jacob eine kurze Darstellung der Hintergründe für die Abwanderung der syrischen Christen aus den Heimatländern und die Entwicklung in der neuen Gesellschaftsstruktur. Gerade durch Flucht und Vertreibung seien bis 1980 ca. 250.000 syr.-orth. Gläubige vor allem nach Europa, in die USA und nach Australien ausgewandert. Allein in Deutschland bauten sie bis heute 64 Gemeinden mit 56 Pfarrern und 36 eigenen Kirchengebäuden auf. Die Zahl der hier lebenden syr.-orth. Christen bezifferte der Integrationsbeauftragte mit etwa 85.000. Gerade in der ersten Generation vor ca. 30-40 Jahren seien die Einwanderer noch aus der Landwirtschaft, dem Handel oder Handwerk gekommen und hätten daher lediglich Zugang zu einfachen Berufen gehabt, während aus den nachfolgenden Generationen durch gelungene Integration und starkes Interesse an Bildung ein hoher Grad an Akademikern hervorgegangen sei. Auch technische Berufe seien sehr gefragt bei den jungen Menschen, zudem würden viele als Unternehmer selbständig.

Sprache und Bildung Wurzeln der Integration

Zum Thema „Chancen und Probleme der Integration innerhalb des säkularen Wertekanons“ referierte der Integrationsbeauftragte der Bayer. Landesregierung Martin Neumeyer (MdL) (Foto). Der Politiker machte deutlich, dass ohne Kenntnisse der deutschen Sprache Integration in Deutschland nicht möglich sei. „Die Wurzel der Integration ist die Sprache.“, so Neumeyer. In Deutschland müsse man sich in erster Linie in Deutsch verständigen, was aber nicht heiße, seine eigene Sprache zu vergessen. Diese sei ebenfalls ein Teil der eigenen Identität. Auch seien Bildung, Ausbildung und Fortbildung immens wichtig, um sich hier zu integrieren. Integrationshindernisse würden oft mit dem Islam gleichgestellt, es sei aber nicht nur der Islam. Oftmals seien es auch die Traditionen, Herkunft, Bildungsferne, die überwunden werden müssten. Sein Ziel sei es, Elternschulen zu organisieren, um den zugewanderten Eltern beizubringen, wie Deutschland und das Bildungssystem funktionieren. Es sei mittlerweile auch für viele deutsche Familien schwierig, sich im Dschungel der Möglichkeiten zurechtzufinden.

Chancengleichheit durch vernünftige Integrationspolitik

Mittlerweile gebe es auch Elternabende in der Landessprache der einzelnen Kulturkreise, um die muslimischen, türkischen, russischen Eltern für das Thema Bildung ihrer Kinder zu sensibilisieren. Laut Neumeyer integrierten sich Gruppen wie die Christen aus dem Orient oder Kinder und Jugendliche aus ostasiatischen Ländern leichter, als andere Gruppen. Diese These belegte der Bayerische Integrationsbeauftragte anhand von Zahlenmaterial. „Wenn man sich die Zahlen der Abiturientinnen und Abiturienten anschaut, haben wir bei den ostasiatischen Kindern etwa 30 – 40%, die mit Abitur abschließen.“, sagte er. Aus Polen schafften ca. 33% der jungen Menschen das Abitur, während es bei den Kindern aus türkischen Familien beim gleichen Schulsystem nur etwa 10% seien. Der Politiker hob hervor, man müsse einen vorurteilsfreien Übergang schaffen, um Chancengleichheit zu bewirken. Daher sei es wichtig, einen Dialog auf Augenhöhe zu führen. Bayern wolle aufgrund des allgemeingültigen Wertekanons eine vernünftige Integrationspolitik gestalten, mit einem Angebot zum Dialog, der alle Gesellschaftsschichten mit einschließe. Integration könne aber nur funktionieren, wenn man sich insgesamt in diese Werte einfüge, schloss Neumeyer seine Rede und rief dazu auf, die gebotenen Chancen zu nutzen.

Verantwortung für die Christen in den Heimatländern

Simon Jacob (Foto) ermahnte insbesondere die Politik, dass auch der Dialog mit den Menschen in deren Heimat Irak, Syrien und Ägypten, eine Verantwortung des Westens sei. Gerade unter dem Aspekt des Arabischen Frühlings zeige sich, dass man diesen Ländern nicht einfach eine Demokratie nach westlichem Verständnis überstülpen könne und dass man die säkular eingestellten Mitmenschen damit nicht alleine lassen dürfe. Es sei jetzt aufgrund der Situation im Nahen Osten auch verstärkt mit einer steigenden Zahl von Flüchtlingen aus dem Irak, Syrien und Ägypten rechnen, sagte Jacob. In seiner Präsentation von Zahlen und Fakten zeigte er die Situation in der Diaspora auf. „Heute gibt es in Deutschland neben der starken syr.-orth. Kirche ca. 100.000 Pontos-Griechen, die seinerzeit aus dem türkischen Raum vertrieben worden sind und ca. 10.000 Mitglieder der koptischen Kirche.“, so der Moderator. Auch die armenische, die chaldäische wie auch die Assyrische Kirche des Ostens verfügen laut Jacob über sehr starke Gemeinden, die aufgrund der Abwanderung der christlichen Bevölkerung aus den Ländern mit einer stark von der Scharia geprägten Rechtsauffassung wohl noch wachsen dürften.

Fluchtursachen bekämpfen

Warum sich die ELKB verstärkt für die Christen im Tur Abdin und Nord-Irak einsetzt, definierte Kirchenrat Thomas Prieto Peral (Foto) in seinem Vortrag durch die Historie vor rund 30 Jahren, als die ersten syrischen Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Damals habe man in Augsburg sowohl von der evangelischen als auch der katholischen Kirche den Flüchtlingen gerade aus diesen Regionen Kirchenasyl angeboten, um Abschiebungen zu verhindern. Aufgrund des Gesprächsbedarfs hatten sich die Kirchen an das Innenministerium gewandt, um einen Anerkennungsstatus der asylsuchenden Menschen zu erreichen. Sie erhielten den Auftrag, vor Ort in den Ländern zu versuchen, die Fluchtursachen zu bekämpfen und Hilfen für ein besseres Leben der Menschen dort in der Heimat zu leisten.

Tur Abdin und Nord-Irak – Keine Almosen sondern Projekte und konkrete Hilfen

Die Kirche versuche, eine Basis für die Menschen zu schaffen, in der Heimat zu bleiben oder dorthin zurückzukehren. Dies geschehe nicht durch Almosen, sondern durch Projekte und konkrete Hilfen. Im Tur Abdin finanziere man diese Hilfen durch Kirchensteuermittel. Im Irak entwickle man gemeinsam mit lokalen Partnern Projektthemen, um die extreme Verfolgungssituation abzuschwächen. „Es kommen Anträge für die Renovierung einer Dorfkirche, den Aufbau einer Schule, für landwirtschaftliche Projekte, aber zunehmend auch Bildungsprojekte innerhalb der Kirchen.“, so Kirchenrat Prieto Peral. Es sei bereits eine christliche Schule für alle Kinder (christliche und muslimische) in Kirkuk durchgesetzt worden, für die es bereits viele Anfragen muslimischer Familien gebe, ihre Kinder dort hinzuschicken. Laut Prieto Peral ein Vertrauensbeweis, den Christen ihre Kinder für eine gute Ausbildung anzuvertrauen. Dies sei ein guter Weg und eine Herausforderung, die man mit Blick auf die Lage in den Heimatländern gemeinsam bewerkstelligen müsse. Nur mit den Werten, die in Deutschland allgemeine Gültigkeit haben und den Christen, die dafür einstehen, sei es möglich, auch in der Heimat in kritischen Situationen Achtung zu erfahren. Man müsse überall für einen Frieden einstehen, der für alle Menschen gelte.

Gemeinsamkeit erzeugt Glaubwürdigkeit

„Ich glaube, dass kein Weg an der Ökumene vorbeiführt, ich glaube, dass die Christen nur glaubwürdig sind, wenn wir gemeinsam sprechen, und zwar in solchen Ländern wie des Nahen Ostens, wie auch hier. Wenn wir uns mit den anderen nicht einig sind, egal wo, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn wir von der Mehrheitsgesellschaft oder von anderen Teilen der Gesellschaft nicht ernstgenommen werden.“, mahnte Kirchenrat Thomas Prieto Peral und zitierte abschließend noch einen Satz aus dem Johannes-Evangelium: „Den Frieden lasse ich Euch, meinen Frieden gebe ich Euch. Nicht gebe ich Euch wie die Welt gibt, Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ Es sei eine Aufgabe der Menschen, nachzudenken, wie man gemeinsam Frieden schaffen könne. Die Christen müssten in den Gesellschaften der Sauerteig werden für den Frieden.

Kulinarischer Abschluss mit orientalischen Köstlichkeiten

Zum Ende der gut besuchten Integrationsveranstaltung hatte die Frauengruppe der Gemeinde St.-Marien noch ein reichhaltiges Buffet mit allerlei orientalischen Köstlichkeiten vorbereitet. So ergaben sich auch während des gemeinsamen Mittagessens noch sehr interessante Gespräche zwischen den Teilnehmern der verschiedenen Konfessionen und Gruppen.

Wie viel Bedarf an gemeinsamen Aktivitäten im Sinne eines Zusammenlebens der diversen Kulturen herrscht, daran ließ dieser Integrationsgottesdienst keinen Zweifel. Man darf darauf hoffen, dass im Rahmen des langwierigen Integrationsprozesses noch existierende Streitigkeiten zwischen den einzelnen Kirchen und Gruppierungen beiseitegelegt und sowohl konfessionelle als auch politische Barrieren abgebaut werden.

Eine weitere Veranstaltung mit dem Titel „Alle Kirchen unter einem Dach“ ist bereits für den Sommer 2012 in München geplant.

Von Marianne Brückl

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