Assyrische Demokratische Organisation

Rede über die Christen in Syrien und im Irak

Am Sonntag, dem 26. Oktober 2014, wurde um 8.30 Uhr und 18.00 Uhr in den Kirchen "St. Peter und Paul" und "St. Konrad" von Herrn Issa Hanna vom Assyrischen Mesopotamien Verein Augsburg e.V. über die aktuelle Situation der Christen in Syrien und dem Irak berichtet.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte spricht jedem Menschen das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit zu. Dennoch werden diese Rechte vielen Menschen weltweit, besonders den Christen, vorenthalten.

Lieber Herr Pfarrer, liebe Mitchristen,

ich stehe heute hier vor Ihnen im Auftrag des Assyrischen Mesopotamien-Vereins Augsburg, um über die derzeitige Situation in Syrien und im Irak zu sprechen, auch über die Menschenrechte, die dort aufs Gröbste verletzt werden. Als 2. Vorsitzender der Assyrischen Demokratischen Organisation (ADO) liegt es mir sehr am Herzen, dass unsere Brüder und Schwestern in der Heimat Hilfe erhalten, die sie so dringend benötigen.

Viele Menschen in Europa haben die Verbrechen des IS gegen die Menschlichkeit lange Zeit ignoriert. Sie haben tatenlos zugesehen, wie in Syrien Menschen durch die selbsternannten „Gotteskrieger“ grausam hingerichtet wurden, weil sie Christen waren, wie Frauen und Mädchen vergewaltigt und gequält wurden, wie Kirchen geschändet und zerstört wurden, und wie die Terror-Miliz sich schließlich in den Irak ausbreitete.

Sie haben einfach geschwiegen, weil sie selbst nicht davon betroffen waren. Doch heute können sie nicht mehr wegschauen, denn die Folgen dieses grausamen Krieges haben auch Europa erreicht. Tausende syrischer Flüchtlinge kommen nach Deutschland, um der IS-Hölle zu entkommen.

Seit der Militärintervention im März 2003 erlebte der Irak bereits eine Eskalation von speziell gegen Christen gerichtetem Terror und Gewalt. Viele Angehörige dieser  ohnehin schon von Verheerung und Verfolgung heimgesuchten schutzlosen Gemeinschaft sind nicht nur nach Europa, sondern unter anderem auch nach Syrien geflüchtet, obwohl sie dort ein Menschenrechte verachtenden Polizeistaat erwartete anstatt der erhofften Freiheit. Doch waren sie zumindest als Glaubensgemeinschaft anerkannt. Und nun sind sie wieder auf der Flucht, nur ist die Situation gegenwärtig noch wesentlich härter.

Syrien lebt heute in großer Angst vor heimtückischen, zerstörerischen Plänen, die im Westen, besonders in den USA, Großbritannien und Frankreich – geschmiedet werden und durch die Türkei, Nordlibanon, Jordanien sowie Irak durchgeführt und von Saudi-Arabien und Katar finanziert werden.  Glaubten viele Bürger oberflächlichen Medienberichten zufolge, dass es das Ziel sei, Syrien zur Schaffung einer Demokratie zu verhelfen und das Volk von einem Diktator zu befreien, so haben sie sich gründlich getäuscht! Der Plan ist, das Land in ein Chaos zu stürzen und langfristig gesehen, Syrien in islamische Emirate wahabitischer Prägung aufzuteilen.

Bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges lebten in Syrien die assyrischen Christen als eigenständige indigene Volksgruppe, als Minderheit mit eigener Sprache, eigener Kultur, und vor allem: in ihrer historischen Heimat. Die aktuelle Zahl der christlichen Assyrer ist derzeit nicht bekannt, da viele von ihnen Flucht, Vertreibung und Ermordung zum Opfer gefallen sind.

Durch die aktuell herrschenden Kämpfe sowie den Vormarsch der IS in weite Teile Syriens  ist inzwischen die gesamte Infrastruktur im Land zusammengebrochen. Seit Monaten haben die meisten Dörfer keine Stromversorgung mehr. Bei größter Kälte müssen die Menschen ohne Heizung und Benzin auskommen. Auch Internet- und Telefonverbindungen sind lahmgelegt. Müllberge häufen sich auf den Straßen. Lebensmittel sind so teuer geworden, dass niemand mehr die Preise bezahlen kann. Tausende können nicht mehr zu ihren zerstörten Häusern zurückkehren. Sie müssen sich irgendwo um eine neue Unterkunft bemühen. Viele Menschen können sich auch keine einfache Miete mehr leisten…

Der chaldäische Bischof von Aleppo, Antoine Audo sagte gegenüber Radio Vatikan: „Jeder ist in Syrien zu einem armen Menschen geworden, auch die, die ihr Zuhause nicht verlassen mussten“. Der Mittelstand verarme zusehends, und gerade  die Lage der jetzt schon armen Bevölkerung sei nur noch miserabel.

Solange ausländische Rebellen mit Waffennachschub über die türkischen Grenzen in das Land eingeschleust werden, ist kein Ende dieser tragischen Situation in Sicht. Die US-Regierung hat selbst zugegeben, dass sich etliche Kämpfer der IS-Miliz aus dem Terrornetzwerk Al Qaida rekrutieren.

Bei einem Treffen mit katholischen Kirchenvertretern in Rom bezeichnete Papst Franziskus das brutale Vorgehen der IS-Miliz als ein „in seinen Dimensionen unvorstellbares“ Phänomen. Das Bewusstsein über den Wert des menschlichen Lebens sei verloren gegangen, „der Mensch zählt nicht und wird für andere Interessen geopfert“, sagte er. Diese Situation erfordere „eine angemessene Antwort der internationalen Gemeinschaft“. Er forderte die Führer der christlichen Kirchen auf, „Vorschläge zu machen, wie man den Brüdern und Schwester helfen kann, die leiden“.

Auch der Kardinalstaatssekretär Piero Parolin mahnt eindringlich: „Die Kirche kann angesichts der Verfolgung nicht schweigen“.

Die ADO, die 1957 als nationale, politische und demokratische Bewegung gegründet wurde und zum Ziel hat, die Existenz des christlichen assyrischen Volkes im Nahen Osten in voller Verwirklichung seiner legitimen nationalen Rechte zu bewahren, ist heute, aufgrund der menschenverachtenden Vorgehensweise des IS mehr denn je gefordert.

Aus diesem Grunde sind wir verstärkt auf Ihre Hilfe angewiesen, da die Assyrer vollkommen allein auf sich gestellt sind und keinen Staat haben, der sich um sie sorgt. Die Sunniten erhalten die Unterstützung ihrer arabischen Verbündeten aus Katar, Saudi-Arabien, der Türkei und anderer islamischer Länder. Die Alewiten und Schiiten können auf Hilfe des Irans zählen, den Turkmenen in Syrien steht die Türkei zur Seite.

Von unseren Mitchristen hier in Europa erwarten wir jetzt vermehrt Solidarität gegenüber den Christen in Syrien. Das nicht nur in moralischer, sondern auch in politischer Hinsicht, um der christlichen Bevölkerung Halt zu geben, damit sie künftig eine stärkere Rolle in der Gesellschaft des Landes haben wird.

Wir müssen es mit allen Mitteln verhindern, dass eine Ausrottung der Christen dort stattfindet. Das wäre nicht nur ein schwerwiegender Verlust für Syrien und den Nahen Osten, sondern hätte in letzter Konsequenz gravierende Folgen für das gesamte Christentum weltweit.

Daher appellieren wir nochmals an Kirche, Gesellschaft und Politik, sich mit den verfolgten Christen in Syrien und im Irak solidarisch zu zeigen und ihnen moralische, wirtschaftliche und finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen.

Insbesondere den Vertretern der Politik legen wir ans Herz, den syrischen und irakischen Flüchtlingen hier in Deutschland vorübergehend Aufenthalt und Anerkennung zu gewähren.

Issa Hanna
Assyrische Demokratische Organisation /Sektion Europa
2. Vorsitzender

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