Nachruf

Zum Tod von Yahko Demir

Yahko Demir hat diesen Verein mitaufgebaut und über Jahrzehnte unterstützt. Voller Überzeugung und Mut ist er im Jahre 2003 in seine Heimat zurückgekehrt, um sich dort erneut ein neues Leben im Land seiner Vorfahren aufzubauen und seinen Lebensabend zu verbringen. Nun ist er im Alter von 84 Jahren in Kafro/Tur Abdin gestorben.

Yahko Demir ist im Jahre 1937 in dem kleinen Dorf Kafro Tahtayto im Tur Abdin geboren, das genaue Datum seiner Geburt ist unbekannt. Wie so viele andere seiner Generation, wurde seine Geburt jedoch erst später, nämlich am 01.01.1939, standesamtlich gemeldet.

Im Alter von 17 Jahren heiratete Yahko Demir seine Frau Munira. Als er mit 22 Jahren seine Wehrpflicht antrat, hatte das Paar bereits zwei Kinder. Die Misshandlungen, die er hier erfuhr, ließen in ihm die Hoffnung im Keim ersticken, mit seiner noch jungen Familie in diesem Land, in dem Menschen auf Grund ihrer Religion und Ethnie unterdrückt und benachteiligt werden, eine Zukunft haben zu können. 1964 ergriff er daher als einziger in seinem Dorf die Möglichkeit, sich als Gastarbeiter in Deutschland zu bewerben. Doch es dauerte weitere fünf Jahre, bis er eine Rückmeldung erhielt und seine Reise nach Deutschland – ohne seine schwangere Frau und seinen inzwischen fünf Kindern – antreten konnte.

In Deutschland angekommen, arbeitete er zunächst in Karlsruhe als Holzfäller, danach wurde er auf seinen Antrag hin nach Augsburg versetzt, um im Eisenhüttenwerk am Hochofen, als Dachdecker und schließlich im Straßenbau sein Geld zu verdienen. Doch aller sprachlichen und kulturellen Barrieren zum Trotz hatte er früh gelernt sich in diesem fremden Land alleine zurechtzufinden. Die Versetzung nach Augsburg schließlich ermöglichte es ihm, wieder Anschluss an seine sprachlichen und kulturellen Wurzeln zu finden, denn hier lebten bereits viele assyrische Gastarbeiter, Studenten und Familien. Es dauerte drei weitere Jahre, bis er seine Familie 1973 auf Antrag der Familienzusammenführung endlich wieder in die Arme schließen konnte. Ein Jahr darauf kam seine jüngste Tochter zur Welt.

Geprägt von seinen eigenen Erfahrungen, kümmerte sich Yahko Demir in der Folge insbesondere um assyrische Gastarbeiter und Geflüchtete, beriet und begleitete sie als Dolmetscher bei Behördengängen oder Arztterminen und half, wann immer er konnte. Als dann im Jahre 1978 der Assyrische Mesopotamien Verein in Augsburg gegründet wurde, gehörte er zu den ersten, die sich für den Verein engagierten. Ihm war es wichtig, dass der Schwerpunkt des Vereins nicht nur auf die Förderung der Integration, sondern auch auf die Pflege der Muttersprache und Kultur der Assyrer gelegt wurde.

Welche Bedeutung das für ihn hatte, zeigt sich bis heute auch in seiner eigenen Familie: Neben all seinem ehrenamtlichen Engagement hat er nie vergessen, seinen Kindern und Kindeskindern die Liebe zu seinen Wurzeln, der Sprache und Kultur mitzugeben. Und er zeigte ihnen, wie wichtig der Einsatz in diesem Verein für deren Erhalt ist. Ob im Vereinsvorstand, der Jugendgruppe, der Frauengruppe oder der Folkloregruppe: sie alle waren von Anfang an und sind bis heute wichtiger Teil dieses Vereins und darüber hinaus in verschiedenen assyrischen Verbänden oder Gremien aktiv.

Jahrzehntelang hat Yahko Demir den Verein bei all seinen Vorhaben unterstützt, hat mitdiskutiert, mitgestaltet. In den vielen Gesprächen und Diskussionen im Verein wurde ihm aber immer wieder auch Eines schmerzhaft bewusst, was er später folgendermaßen formulierte: „In Gedanken war ich immer in der Heimat. Ich habe zwar immer gedacht, dass es besser ist, in den christlichen Ländern zu leben. Später habe ich aber gesagt, dass der Tur Abdin unser Land ist.“

Dieser Sehnsucht folgend, beschloss er Anfang der 2000er nach über 30 Jahren in Deutschland in sein Heimatdorf Kafro zurückzukehren – trotz der dort vorherrschenden unsicheren politischen Lage. Gemeinsam mit siebzehn weiteren Familien trat er 2003 seine Rückkehr zu seinen Wurzeln an und verbrachte dort gemeinsam mit seiner Frau seinen Lebensabend.

Wann immer Yahko Demir und seine Frau in der Folge nach Augsburg kamen, besuchten Sie auch den Assyrischen Mesopotamien Verein. Wer in sein Gesicht blickte, wurde erfasst von der Wärme, Ruhe und Freude, die er in sich trug. Man sah aber auch die Spuren der Erfahrungen, der harten Arbeit, der Anstrengungen der vergangenen Jahrzehnte. Und doch hatte dieser Mann immer auch ein Lächeln im Gesicht.

Mit tiefer Trauer verabschieden wir uns von einem Freund und Vorbild. Yahko Demir ist am 27. Februar 2021 von uns gegangen. Er hinterlässt seine Frau Munira, seine sieben Kinder Isa Demir, Atiya Özdemir, Sait Demir, Fikri Demir, Zekiya Alp, Hasare Demir und Elisabeth Demir, 27 Enkelkinder sowie 18 Urenkel. Möge er in Frieden ruhen.

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